Snøhetta realisiert das erste Unterwasser-Restaurant in Europa

An Norwegens südlichster Küste trifft der nördliche Polarstrom auf die südliche Strömung. Das Meer ist wild, unbändig schäumt es sich immer wieder auf. Ein Monolith aus Beton ragt aus der Brandung.

Was im ersten Moment wie angestrandeter Schiffsrumpf wirkt, entpuppt sich als Architektur vom Allerfeinsten:
„Under“ – Europas erstes Unterwasser-Restaurant heißt seine Gäste in 30 Metern Meerestiefe herzlich willkommen. Das renommierte Architektur- und Designstudio Snøhetta realisierte das beeindruckende Projekt. Mutig in der Idee, wie in der architektonischen Umsetzung.

Halb versunken, bricht der 34 Meter lange monolithische Kubus die Meeresoberfläche und ruht in fünf Metern Tiefe am Meeresgrund. Ein massives Fenster am Ende wirkt wie ein Periskop mit einem faszinierenden Blick auf den Meeresboden und die Unterwasserwelt. Hier unten empfängt der Däne Nicolai Ellitsgaard als Chefkoch seine Gäste, unterstützt von einem internationalen 16-köpfigen Küchenteam, allesamt mit Erfahrungen aus Top-Michelin-Restaurants.
Für 30 bis 40 Gäste bietet das Restaurant Platz. Gespeist wird hinter einem massiven, 11 Meter breiten und 3,4 Meter hohen
Panoramafenster. Jule Verne hätte seine Freude gehabt. Der kulinarische Fokus liegt auf hochwertigen, lokalen Erzeugnissen, vor allem Gerichten aus Meeresfang und Wildtieren sowie nachhaltig hergestellten, vegetarischen Produkte.

Lindesnes ist in Norwegen bekannt für seine rasch wechselnden und intensiven Wetterbedingungen. Ganz im Gegensatz zu der rauen, widerspenstigen Umgebung vermittelt das gedämpfte, mit Eichenholz ausgestattete Eingangsfoyer ein Gefühl von Wärme und einladender Atmosphäre. Textilverkleidete Deckenplatten in farblichen Übergängen begleiten den Besucher die Treppe hinab und verleihen dem Treppenlauf eine subtile Eleganz. Das Farbspiel beginnt mit purpurnen Nuancen, welche dem Sonnenuntergang gleichen. Dann verändert es sich in ein zartes Meertürkisgrün und löst sich am Ende in ein tiefes Blau auf. Der Farbverlauf steht als Metapher für die Reise vom Land in die Tiefe des Meeres.

Die Idee von Under ist eine Geschichte von Kontrasten: Zwischen Landschaft und Meer

Die Idee von „Under“ ist eine Geschichte von Kontrasten: zwischen Landschaft und Meer; oberhalb und unterhalb; warm und kalt; widerspenstig und einladend. Das Projekt verweist in seiner scheinbar zufälligen und instabil wirkenden Lage auf das sensible ökologische Gleichgewicht von Land und Meer. Durch die Verbindung des Zusammenlebens an Land und im Meer sensibilisiert „Under“ die Wahrnehmung unserer Umgebung – an der Meeresoberfläche, unter Wasser und entlang der Küste.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Projektes ist die Meeresforschung. Interdisziplinäre Forscherteams werden zu Gast sein, welche die Meeresbiologie rund um „Under“ erforschen. Dazu wurden an der Fassade und etwas abseits Kameras und andere Messinstrumente angebracht, um die Artenvielfalt und das Verhalten der Fische zu dokumentieren, aber auch um live vor Ort zu beobachten. Ziel ist es Daten zu sammeln, die in Lernprogrammen digitalisiert werden können, welche dann mithelfen, die Populationsdichte wichtiger Meerestiere regelmäßig zu überwachen. Das schafft neue Optionen im Management der Meeresressourcen, und hilft die Nachhaltigkeit der Meeresbiologie zu verbessern.
Chefkoch Nicolai Ellitsgaard und sein Team stehen in regelmäßigem Dialog mit den Meeresbiologen. Von ihnen
lassen sie sich erklären, wann und wie die Ernte aus dem Meer nachhaltig gewonnen werden kann. Zum Teil werden Zutaten vom Gebäude selbst geerntet, welche sich an der rauen Betonschale festgesetzt haben. Küche und Forschungsteam arbeiten auch zusammen, um Fische an das Fenster zu locken. So
können diese von den Meeresbiologen näher betrachtet werden – auch zur Freude der Restaurantbesucher.

Die dicken Betonwände von „Under“ liegen unmittelbar an der schroffen Küstenlinie, deshalb wurde die Statik des Kubus und die Festigkeit der Betonhülle so ausgelegt, dass sie den Druck und den Stößen der rauhen See standhalten. Die Rauheit der Betonschale fungiert wie ein künstliches Riff. Die Oberflächenstruktur ist so konzipiert, dass sie sich im Laufe der Zeit vollständig in ihre Meeresumwelt integrieren wird. So werden Wasserschnecken und Seetang an der Aussenwand willkommen geheißen. Langfristig wird „Under“ ein koexistierender Teil der Küstenlandschaft und des Meeresbodens sein.
© Autor: Klaus Bossert