Osaka. An jeder Ecke eine vermeintliche KFZ-Werkstatt, doch was auf den ersten Blick wie das Paradies für jeden Autoliebhaber wirkt, sind größtenteils die Wohnzimmer der Bewohner. Dort sitzt ein alter Herr mit seinem Klappstuhl auf der Schwele zu seiner offenen Garage und genießt die letzten Sonnenstrahlen. Im Laufe des Abends kommen Nachbarn dazu, man setzt sich gemütlich neben den kleinen Daihatsu und erzählt einander von den Höhen und Tiefen des Tages. Ein Bild bei dem es sich um keine Seltenheit in dem Land der aufgehenden Sonne, handelt. Hier ist die Garage nicht bloß Hobbykeller oder Abstellort für Karosserien aller Art, sondern der Platz, an dem man zusammenkommt. An welchem man bei einem Bier so einige schöne Stunden verbringt. Und neben der überschaulichen Gruppe der kleine Stadtwagen, repräsentative Oldie oder auch das liebste Otobai, bei uns Motorrad genannt. Ein Lebensgefühl, das mithilfe der Stimme von Haruki Murakami schon über die Landesgrenzen Nippons herausgetragen, bereits in seinem ersten Roman. Beschrieben werden seine ganz eigenen Garagenerfahrungen in einem kleinen Ort unweit von Tokyo:

Zwei „Neo Klassiker“ und eine Sammlung an Zubehör in der Garage

„Ratte hingegen wohnte in einem Haus mit zwei Etagen. (…). Seltsamerweise strahlte diese Garage von allen Zimmern in Rattes Haus die größte Behaglichkeit und Wärme aus. Sie war so groß, dass ein kleines Flugzeug darin Platz gefunden hätte, und mit einer Menge ausrangierter Dinge eingerichtet. Es gab einen Fernseher, einen Kühlschrank, eine Couchgarnitur, eine Stereoanlage und ein Sideboard, und wir verbrachten dort viele schöne Stunden beim Bier.“
Haruki Murakami,
Wenn der Wind singt,
1. Auflage, 2015, btb Verlag S.89 ff.

Unser Verständnis für ein Zusammenleben mit Autos ist weitestgehend anders. Zeit mit Freunden verbringen wir im Garten, der Terrasse oder dem Wohnzimmer und die meisten Zusammentreffen enden sowieso in der Küche. Während all der Zeit steht unser Auto in der Garage oder in der Auffahrt, ohne unsere Gesellschaft. Doch eines ist wohl trotz einer Distanz von knapp 10.000 Kilometern gleich: Die Garage ist und bleibt der Ort, an dem sich alles sammelt was zum Reparieren, Schrauben oder Beeindrucken einlädt. Doch auch in Japan existieren Besonderheiten. Wohlhabende, die ihre Garage verglasen, damit sie ihre Lieblinge immer im Blick haben oder sie sich gleich ins Wohnzimmer stellen. Die europäischen Schmuckstücke

sind in Japan schon lange gefragt, hier gesellt sich ein Ferrari Testarossa neben einen Mercedes 350 SL und in der Ecke steht für die Sonntagsausfahrten noch ein Porsche 911 aus den 70ern.

Doch in Europa sind japanische Karosserien wahre Raritäten. Wenn in den etwa 90 Jahren, die wir auf dieser Erde wandeln doch mal ein Datsun 240Z an uns vorbeifährt entsteht ein großes Fragezeichen und der Gedanke, dass es sich dabei wohl um ein unbekanntes europäisches Fabrikat handelt. Diese nicht vorhandene Präsenz der japanischen Old- und Youngtimer in Europa befindet sich jedoch im Umbruch. Denn es gibt durchaus sportliche und exzellent designte Fahrzeugklassiker von Übersee, noch immer

werden sie als Exoten gehandelt. So verbinden wir doch noch immer gut ausgestattete, aber eher schlichte Autos, keine schönen, eleganten Karosserien mit dem ehemaligen Nippon.

Eine Kleinigkeit hat es jedoch mithilfe von Hollywood auch nach Europa geschafft. Die in Amerika unter dem Synonym „Neo Classics“ bekannten, Sportwagen aus den 80ern und 90ern. Populär aufgrund Ihrer Schnelligkeit und ihrem speziellen Design. Zu sehen sind solche Karosserien einer gewissen Extraklasse in dem Raser-Streifen, „Tokyo Drift“ von 2006. Sollte also doch mal der Gedanke an japanische Fabrikate in uns aufkeimen kommt meist ohne Umschweife dieser Film in den Sinn. Aber dass ein Datsun 240Z

on 1976 oder ein Nissan 300 ZX von 1987 auch so manches Liebhaberherz höher schlagen lassen könnte ist uns schlichtweg nicht bekannt. „Neo
Classics“, ein in Amerika gängiger Begriff für eben diese Sportwagen aus den 80er und 90ern. In Europa wird er anders definiert, hier sind „Neo Classics“ frühe Klassiker, sozusagen lebende Legenden. Autos, die an der Schwelle stehen, Youngtimer zu werden oder auch erst vor ein paar Jahren auf den Markt kamen. Jedoch schon jetzt als Klassiker gehandelt werden. Sozusagen die Oldtimer von morgen. NEO CLASSIC, ein dehnbares Synonym, mit unklaren Begrenzungen. Eben genauso wie das Wohnen mit dem Auto. Bei beiden greift „Andere Länder, andere Sitten“.

Der Nissan 300 ZX von 1987 (links) und der Datsun 240Z von 1976 (rechts) gelten als Klassiker