Ein Liegestuhl, die Sonne im Gesicht, dabei umrundet von Pflanzen jeglicher Art. Eine grüne Oase. Und zwischen all dem der Ausblick auf den Berliner Fernsehturm. Ein Garten Eden mit Blick auf Skylines? Das mag im ersten Moment abstrakt, ja gar unwirklich erscheinen, mehr nach einer Szenerie aus einem Science-Fiction-Streifen als einer der Realität entsprungene. Doch es handelt sich hierbei bereits um reale Szenen: das Urban Gardening.

Spräche denn etwas dagegen, die brachliegenden Flächen in Städten zu nutzen? Sei es, um die Ästhetik der Pflanzen zu genießen oder sie gar als Agrarfläche zu nutzen. Existent sind sie bereits, hierfür muss weder gerodet noch versiegelt werden. Es erfordert lediglich ein Umdenken, vielmehr ein Weiterdenken. „Denken über den Tellerrand“, dafür benötigt es Vorreiter: Menschen die einfach mal anfangen. Sozusagen mit gutem Beispiel vorangehen.

Wie ist es denn möglich, diese beiden Themenbereiche zusammenzuführen. Sie eins werden zu lassen. Technik und Natur in einer Symbiose? Es mag im ersten Moment suspekt erscheinen, doch weshalb?
Nehmen wir beispielsweise das Streben nach regionalen Lebensmitteln. Was ist regionaler als der Salat aus meinem Keller oder die Tomaten von meinem Dach? Stichwort: Hyperlokalität. Quasi ernten, ohne das Haus zu verlassen. Durch dieses Gärtnern in oder auf meinem Wohnraum ist es möglich, in uns wieder ein Bewusstsein keimen zu lassen, für unsere Ernährung aber auch den Umgang mit Lebensmitteln. Und eben auch welche Mühen es kostet, dass meine Salatgurke schnell und schön wächst. Auf einmal ist dieser Vorgang nicht mehr abstrakt, sondern in meinen Alltag integriert. Ein zugegeben noch utopischer Gedanke. Aber wenn ich in diesem Vorgang die Technologie als Hilfestellung betrachte, öffnen sich mir völlig neue Türen. So bereitet es mir keine Sorgen, wenn ich mal nicht daheim bin, denn die Sensoren in der Erde merken es, falls Wassermangel herrscht, falls Nährstoffe fehlen wird auch das bemerkt und zugeführt. Pestizide werden erst gar nicht benötigt, stattdessen habe ich Algorithmen – ihr Vorteil: Sie sind absolut nicht schädlich, weder für mich noch für die Pflanze. Stattdessen bereichern und vereinfachen sie.

Staatssekretär Andre Baumann (Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landes Baden-Württemberg) beim Besuch des Genbänkle StandS. Genbänkle listet alte und seltene Gemüsesorten auf

Wanderbaumallee ist ein temporäres Projekt in Stuttgart: Von Mitte Mai bis in den Oktober werden mobile Bäume in unterschiedlichen Vierteln der Stadt verteilt, Zur grünen Verschönerung und als Treffpunkt für die Nachbarschaft

Mit eben diesen Gedankengängen und der daraus resultierenden Frage nach der Möglichkeit von einer Symbiose – Mensch, Natur und Technik –, beschäftigt sich das Start-up-Unternehmen FARMEE aus Stuttgart. Drei junge Männer, angetrieben von dem Gedankengang der Wiederzusammenführung von Mensch und Natur mit Hilfestellung der Technik. So kommen Menschen zur Landwirtschaft oder Botanik, die im Grunde keine Berührungspunkte dazu haben, sondern aus einer Branche stammen, die der allgemeinen Meinung nach am weitesten von der Natur entfernt ist – der Software-Entwicklung. Aus dem Trio von FARMEE resultieren weitere erstmalige Antworten auf existierende Fragestellungen im Bereich Urban Gardening. Was mache ich als kleiner Urban Farmer mitten in Singapur, wenn mein Gemüse auf einmal nicht mehr wächst? Für eben solche Probleme haben sie eine Plattform geschaffen, hier werden Fragen wie die vorangegangene gestellt und von Profis rund um den Globus beantwortet. Eine Sammlung und Weitergabe von Wissen. Neben solch globalen Netzwerken, hinter denen eine komplexe Programmierung steckt, existieren aus gleicher Hand auch Systeme völlig ohne Technik: der Beetmeister, eine Unterstützung für Hobbygärtner. Hier kann ich mein Beet ausgiebig planen, die Zusammensetzung gestalten, feststellen, welche Nachbarn sich vertragen, welche nicht. Oder auch was diese im Speziellen benötigen. Also eine Hilfestellung für den, der sein Gemüse ganz nah bei sich wachsen lassen möchte.

Das Trio vom start-up Farmee wirkt bei der Arbeit nicht wie der klassische Farmer

Plattform von FARMEE als APP fürs Smartphone

Chloroplast Stuttgart e.V. hat zum Jungpflanzentag ins „Walz-Areal“ in Stuttgart-Weilimdorf eingeladen

International findet Urban Gardening bereits einen großen Zuspruch. Ein Unternehmen aus Ägypten erkannte, dass viele städtische Bereiche als Agrarflächen dienen könnten. Eine entscheidende Erkenntnis, denn viele Landschaften können bereits nicht mehr als Anbaufläche genutzt werden, aber der Bedarf wächst stetig.

Unter diesem Aspekt spielt auch die Wasserversorgung eine entscheidende Rolle. Bei dieser Feststellung kommen dann ausgeklügelte Systeme zum Einsatz. Eines davon sind Hydroponics. Ein in sich geschlossener Nährstoff- und Wasserkreislauf. Richtig eingesetzt benötige ich weder Pestizide noch schädliche Düngemittel. Und der größte Vorteil für Regionen mit wenig Wasser: in diesem System versiegt keines. So kann ich mitten in Kairo mehrere hundert Salatköpfe anbauen, mit einem einmalig anfallenden Wasserverbrauch.

Doch um solche Systeme zu beobachten, muss ich nicht zwingend nach Kairo. Ein Blick auf das Züblin-Parkhaus in Stuttgart, und ich bekomme zu sehen, was Gruppierungen ambitionierter Menschen schaffen können. Das größte Urban- Gardening-Projekt in Europa befindet sich in Rotterdam: The DakAkker. Auf 1.000 m² finden sich verschiedenste Gemüse- und Obstsorten, aber auch Bienenstöcke, unterschiedlichste Anbautechniken und es finden Kurse für Groß und Klein statt. Eine kleine Oase inmitten eines Industriegebiets Rotterdams. Wenn die Ernte gut war finden hier auch Märkte statt, dann kann der Salat von dem Hochhaus nebenan gekauft werden.

Doch für uns im Einzelnen können schon die kleinen Dinge Anfänge werden. Ein Statement setzen? Um das zu tun, muss es kein Graffiti an einer Hauswand oder ein Aufmarsch in einer Demonstration sein. Es reicht eine kleine Kugel, eine sogenannte Seed Bomb. Ich suche mir das Fleckchen Erde meiner Wahl und werfe die kleine Kugel voll Samen dorthin, das Gelände muss also noch nicht einmal zugänglich sein. Für mehr Grün im Grau, daraus haben sich die Stadtgärtner gegründet. Ein Zusammenschluss von jungen Menschen, denen das Grau der Stadt zu eintönig war. Inspiriert von der Guerilla-Gardening-Bewegung, beginnend in den 1970er -Jahren. Ursprünglich ein politischer Protest, welcher sich die heimliche Aussaat von Pflanzen zum Mittel machte. Geworden ist daraus der Begriff für den Drang nach lebenswerterer Umwelt in Metropolen. Denn es besteht der Unterschied zwischen Agrar- und Stadtflächen. Doch ist das zwingend notwendig? Ist es uns mittlerweile nicht möglich, eine Zusammenführung zu vollführen? An selber Stelle Plätze des Zusammenkommens und der Selbstversorgung entstehen zu lassen. Ist es nicht doch unangenehm, den Salat aus dem Supermarktregal zu nehmen, ohne zu wissen, woher dieser kommt, welche Reise er hinter sich hat? Wenn dieser vom Dach nebenan kommen würde, ich quasi beobachten kann, wie oft er gegossen, gedüngt und wann er schlussendlich geerntet wird. Baue ich dann wieder einen Bezug auf zu meinen Lebensmitteln? Zu den Mitteln, die mich am Leben halten. Der moderne Mensch – wir – lebt schnell, auf einer stetigen Überholspur. Da verwundert die Sehnsucht nach Entschleunigung und Ruhe kaum jemanden. Wenn wir die rasanten Städte, die niemals schlafen, und solche, die durch ihre Eintönigkeit bestechen, aufwerten und sie förmlich aufblühen lassen? Das moderne Leben – ein Zurück zur Natur. Eine Rückbesinnung, mit Blick nach vorn.

Die Stadtgärten in Nordhorn bieten eine breite Auswahl von Samenmaterialien im Internet an – zum Selbstpflanzen oder als Geschenk