Sie gehen zum Einkaufen nicht in den Supermarkt um die Ecke, sondern direkt zum Erzeuger. Allerdings wohnen Sie nicht auf dem Land, vielmehr mitten in einer Großstadt. Nehmen wir als Beispiel Berlin. Wenn Ihnen also morgens die Milch für den Kaffee ausgeht, genügt ein Gang zu der nahegelegenen Farm, um dieses Problem zu lösen. Mitten in der Stadt. So entsteht ein Zusammenspiel aus Landwirtschaft und Urbanisierung, denn die Milch kommt von den Kühen, die Sie von Ihrem Küchenfenster aus weiden sehen. Klingt utopisch? Beinahe nach Science-Fiction.
Ist es aber nicht.

Bei diesem Gedankenexperiment handelt es sich keinesfalls um reine Fantasie. Es ist schlichtweg die Beschreibung der Lebenssituation von Bewohnern in Rotterdam seit Ende April.

Minke van Wingerden, Floating Farm, am Beginn des Projektes

Menschen zur Natur zurückzuführen, ihnen die Herstellung und Produktion von Lebensmitteln wieder ganz nahe zu bringen sind Ziele, welche die Floating Farm mit Nachdruck verfolgt. Schlussendlich ermöglicht das Konzept auch ansatzweise eine Lösung für eine andere Problematik. Denn mit dem Wachstum der Weltbevölkerung wachsen auch die Ackerflächen – und diese reichen eines Tages nicht mehr aus, um all die Milliarden Menschen, die wir geworden sind, zu versorgen. Hinzu kommt noch die der Landwirtschaft geschuldete Rodung von Naturreservaten und die grundlegende Belastung unserer Umwelt.

Können wir einer solchen Negativbewegung anderweitig, eventuell sogar mithilfe von Hightech, entgegenwirken? Dank Ideen wie der Floating Farm, ja.

Eine Farm auf dem Wasser, mitten in der Stadt. Nach Fertigstellung in ein paar Wochen werden dort 40 Kühe leben, die täglich 800 Liter Milch produzieren.
Diese wird vor Ort zu Joghurt, Käse und weiteren Produkten verarbeitet und dann entweder auf direktem Wege verkauft oder an Supermärkte, Bäckereien, Restaurants geliefert. Ein in sich geschlossenes, zirkulares System. Auf zwei Ebenen. Die Nährstoff-, Energie- und Wasserkreisläufe sind in sich so weit wie möglich geschlossen.
Regenwasser wird gesammelt, Solarenergie genutzt, Dünger für die Futterpflanzen der Kühe vor Ort hergestellt – und zu guter Letzt widmet sich ein erheblicher Teil der Farm der Forschung, Weiterbildung und vorwiegend der Rückbesinnung. All dies, um eine Innovation zu schaffen, welche uns die Herstellung und Produktion von Lebensmitteln wieder näherbringt.
Denn je größer die Stadt, desto weiter die Entfernung von der Landwirtschaft und somit auch der Herstellung unserer Nahrungsmittel. Durch diese Entfremdung passiert es, dass Kinder davon ausgehen, Fleisch würde in der Verpackung im Supermarkt wachsen und die Milch existiere von Beginn an in der Flasche. Um solch einer Negativbewegung entgegenzuwirken, ist es von immenser Bedeutung, dass Projekte wie die Floating Farm an Popularität gewinnen. Hier können Kinder, aber auch Erwachsene lernen, wie, wo und vor allem was es bedeutet, Lebensmittel herzustellen.
Es kann also wieder eine Nähe zu der Natur geschaffen werden. In Metropolen, direkt vor unserer Haustür. Und gleichzeitig ein Lösungsansatz für die Versorgung von Millionen von Menschen, ohne dass logistische Extreme hervorgebracht werden. Floating Farm ist eine Innovation zur Weiterbildung heutiger und Sicherung zukünftiger Generationen.
© Autorin: Isabell Beenker