Mode, Trubel, Sonne. Das sind zumindest bei mir bis vor kurzem die ersten Assoziationen mit der Großstadt im Westen Italiens gewesen. Kaum eine Stadt in Europa ist so nah mit Design und Ästhetik verknüpft, viele Koryphäen sind Abgänger der Design Universität in Mailand. An Grünflächen oder Natur denkt kaum jemand, wenn die Rede von dieser Metropole ist.

Doch seit vier Jahren sorgt ein Großprojekt Mailands für Aufmerksamkeit bezüglich ökologischer Aspekte. Die Rede ist von der Bosco Verticale, den „grünen Zwillingen“ Mailands. Sie sind jedoch viel mehr als bloß zwei weitere Hochhäuser in dem Stadtbild, es sind Biotope, Erhalter und Erschaffer von der Biodiversität vor Ort. Etwa 900 Bäume, über 2000 weitere Pflanzen, beherbergen die Türme. Jeder für sich ausgesucht und abgestimmt, allein die Planung dieser Begrünung nahm zwei Jahre in Anspruch, die Bepflanzung an sich dann nochmals ein Jahr. Doch auch wenn diese Umstände zuerst negativ ins Gewicht fallen, so werden sie von all den positiven Aspekten die diese durchgehende, vertikale Bepflanzung mit sich bringt ausgehebelt.

Es geht nicht nur ein optischer Mehrwert mit einer Fassadenbegrünung einher, die Luft wird sauberer, die Gebäude sind natürlich isoliert, sowohl gegen Hitze als auch Lärm. Die Hochhäuser wirken auch auf das Stadtklima positiv, sie fungieren wie ein „naturgegebener Schalldämpfer“, was sich in einer Metropole wie Mailand als enorm wichtig erweist.

In einer gewissen Hinsicht handelt es sich bei Stefano Boeri und seinen Mitarbeitern um Pioniere, Pioniere auf dem Gebiet der urbanen Zusammenführung von Mensch und Natur.

So wie Bofill in den 1970ern die surrealen „Paläste des sozialen Wohnungsbaus“ schuf, so schaffte Stefano Boeri mit der Bosco Verticale einen simplen und ebenso genialen Lösungsansatz für soziale und ökologische Problematiken in der Gegenwart und Zukunft. Denn auch wenn viele von uns durch und durch Kinder der Stadt sind, gegen ein bisschen mehr Grün in der grauen Landschaft hätte niemand von uns etwas einzuwenden. Erst recht nicht wenn es unser alltägliches Sein nur bereichert und in keinster Weise einschränkt.

Bosco Verticale, Mailand

Architekt: Stefano Boeri
Bauzeit: 2008 bis 2013
Turm E: 110m Höhe, 27 Etagen
Turm D: 80m Höhe, 27 Etagen