Licht bedeutet Leben

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Frühjahr steht vor der Tür, die Tage werden länger. An den ersten warmen Sonnentagen zieht es alle nach draußen – Fahrradfahrer, Jogger, Spaziergänger – kaum einer, den es am Wochenende noch drinnen hält. Wir sind fröhlich und energiegeladen. Die Natur zieht mit, überall blüht und grünt es, die Vögel zwitschern. Haben wir uns an Weihnachten noch am Kerzenlicht erfreut, können wir es jetzt gar nicht hell genug haben. Verrückt? Nein. Nur natürlich.

 

Licht macht uns wach. An einem strahlenden Sommertag bekommen wir ungefähr 100.000 Lux ab, an einem Wintertag mit bedecktem Himmel sind es gerade einmal 3.500 Lux. Wenn wir uns in Gebäuden aufhalten – und das tun wir im Winter häufig –, sind es noch weniger. Zu wenig Licht macht uns müde, lustlos und schlägt auf die Stimmung. Licht steuert unsere innere Uhr und unser Wohlbefinden. Eine entscheidende Rolle spielt dabei das Auge, denn es kann viel mehr als sehen. Bis Anfang der 2000er-Jahre waren im menschlichen Auge zwei Fotorezeptoren bekannt: Die Zapfen für das Farbsehen und die Stäbchen, die das Sehen bei geringer Beleuchtung ermöglichen. Dann entdeckte der amerikanische Neurobiologe George Brainard eine dritte Art von Fotorezeptoren, die besonders empfindlich auf den Blauanteil des Lichts reagieren. Kurz darauf fand der Neurowissenschaftler David Berson in diesen Zellen das Pigment Melanopsin. Es wirkt auf die Hormonausschüttung im Körper. Bei blauem Licht unterdrückt es die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin und nimmt damit Einfluss auf unseren Schlaf-Wach- beziehungsweise Bio-Rhythmus.

 

Blaues Licht macht wach

 

Natürliches Licht verändert sich im Laufe des Tages. Unser Körper folgt diesem Rhythmus. Heute wissen wir, dass das Melanopsin dafür verantwortlich ist, das die Informationen aus den Photorezeptoren weitergibt, damit das Gehirn die Informationen liefert, die die Ausschüttung von Melatonin und Cortisol steuern. Das Melatonin macht müde und setzt den Organismus auf Sparflamme, bereitet ihn auf den Schlaf vor. Cortisol regt den Stoffwechsel an und macht den Körper fit für den Tag. Morgens und tagsüber enthält das natürliche Licht hohe Blauanteile, also wird die Produktion des Schlafhormons gestoppt. Werden die Blauanteile abends geringer, produziert der Körper wieder mehr Melatonin. Wir können gut schlafen. Noch nie gehört? Vielleicht doch. Vor zwei oder drei Jahren kam auf den meisten Smartphones die Funktion  „Night Shift“ hinzu.

 

Für eine bestimmte Nachtzeit kann man damit die Blauanteile im Bildschirmlicht zurückfahren. Eine sinnvolle Maßnahme, denn wenn unser Auge am Abend zu viel Blaulicht abbekommt, wird die Melatonin-Produktion verzögert, wir schlafen schlechter ein und weniger tief. Das heißt in der Konsequenz: Durch „falsches“ künstliches Licht gerät unsere innere Uhr aus dem Takt, können wir unserem Wohlbefinden schaden, aber durch das „richtige“ Licht es im Umkehrschluss auch verbessern und unsere Leistungsfähigkeit erhöhen.

 

Lichttechnik für den Menschen

 

Seit der Entdeckung der dritten Art von Fotorezeptoren und des Melanopsins forschen Wissenschaftler auf der ganzen Welt an diesem Thema. Die Hersteller von Leuchtmitteln versuchen, die Ergebnisse der Forscher in smarte Produkte und Beleuchtungskonzepte umzusetzen. Die Zeiten, in denen man durch Licht hauptsächlich versuchte, eine Umgebung oder einzelne Objekte in Szene zu setzen, sind vorbei. Jetzt geht es um den Menschen, vor allem um den kranken und den arbeitenden Menschen. In einer Arbeits- oder Lernumgebung kann entsprechendes Licht die Energie, die Kreativität und sogar die Motivation stärken. Studien haben gezeigt, dass viele Menschen ein System aus direkter und indirekter Beleuchtung bevorzugen, zum Beispiel Licht von oben und zusätzlich Spots, die die Wände aufhellen, denn das kommt einem schönen Tag am nächsten: blauer Himmel und Sonnenschein.

 

Der Einsatz von Licht in der Medizin ist nichts wirklich Neues, denn schon früher kurierte man Erkältungen durch die Bestrahlung mit warmem rotem Licht. Auch bei der Behandlung von Hauterkrankungen wurde und wird Licht eingesetzt. Durch neue Technologien wie LEDs und digitale Lichtsteuerung haben sich jedoch die Möglichkeiten vervielfacht. Mit Blaulicht werden heute Schmerzen gelindert und Alzheimer Patienten aktiviert. Chemotherapie bei Krebserkrankungen kann durch Licht zielgerichteter und sparsamer eingesetzt werden. Das reduziert die Nebenwirkungen. Lichtduschen helfen gegen Depressionen.

 

Biologisch wirksame Lichtplanung

 

Human Centric Lighting (auf den menschlichen Organismus zugeschnittene Beleuchtung) drückt vielleicht etwas direkter aus, was mit biologischer Lichtplanung gemeint ist.  Es geht nicht um die Ausleuchtung von Gebäuden per se und auch nicht um die optimalen Bedingungen für das Sehen, sondern um die physische und psychische Wirkung von Licht auf den Menschen. Die biologisch wirksame Lichtplanung zieht sowohl die Aufgaben des Menschen, zum Beispiel im Büro, in Betracht als auch seinen natürlichen Biorhythmus. Biologisch wirksame künstliche Beleuchtung wird nur zugeschaltet, wenn das natürliche Licht nicht ausreicht. Vorbild ist das Tageslicht, das sich von morgens bis abends ständig verändert, sowohl hinsichtlich Helligkeit, Farbe als auch Einfallswinkel.

 

Schon Beleuchtungsstärken zwischen 500 und 1.200 Lux sind biologisch wirksam. Dafür muss das Licht allerdings möglichst viele Rezeptoren in der Netzhaut des Auges erreichen. Das bedeutet, dass es möglichst großflächig von oben und von vorne kommen muss. Beleuchtungsstärke und Farbe sollten sich dynamisch entsprechend des Vorbilds des Tageslichts verändern. Vormittags sollte das Licht einen höheren Anteil an bläulichem Licht haben, zum Mittag etwas weniger und am frühen Nachmittag noch einmal etwas mehr, um das Mittagstief zu kompensieren. Das kann mit entsprechenden Lichtmanagementsystemen und flexibel gesteuerten LEDs automatisch geregelt werden. Für die biologisch wirksame Lichtplanung gibt es sogar eine Norm, die DIN SPEC 67600. Sie gibt wertvolle Hinweise für eine ganzheitliche Lichtplanung, die am besten schon in der Gebäudeplanung integriert sein sollte.

 

Natürliches Licht gewinnt

 

Experten empfehlen, wo immer möglich Tageslicht ins Gebäude zu lassen, zum Beispiel durch raumhohe Fenster. Moderne Beleuchtungstechnik kann das Tageslicht zwar immer besser imitieren, aber ersetzen kann sie natürliches Licht noch lange nicht und die Sonne schon gar nicht. Auch wenn Hautärzte es am liebsten sehen würden, wenn wir nur noch vollständig bekleidet ins Freie gingen, sind Wissenschaftler davon überzeugt, dass unsere Haut Sonne braucht. Denn sie spendet nicht nur Licht, sondern auch Wärme und regt unsere Vitamin D-Produktion an. Es ist wie mit vielen anderen Dingen auch: Die Dosis macht den Unterschied. Wenn wir uns im Freien bewegen, kommt im besten Fall die Naturerfahrung hinzu, die uns noch ein bisschen glücklicher macht.

 

© Autorin: Andrea Przyklenk

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