WENN DER INSOLVENZVERWALTER KOMMT - RISIKEN UND GEFAHREN BEI GROSSEN BAUPROJEKTEN

Foto: Calado - fotolia.com
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Immer öfters beraten sich Fachleute, wie große Infrastrukturprojekte in Zukunft besser gelingen können. Der Grund: Ob Berliner Hauptbahnhof, ob Elbphilharmonie, ob Stuttgart 21 – die meisten öffentlichen Großprojekte werden weder in der versprochenen Zeit noch zum versprochenen Preis auf die Beine gestellt.

Ständige Zeitverzögerungen und Kostenüberschreitungen führen gleichzeitig zu einem erheblichen Ansehensverlust für den jeweiligen Standort. Das Dubiose an der Sache: Wenn der Staat baut, gibt es weder Pünktlichkeit noch Kostendisziplin. Die Politik überschätzt dabei nicht nur den Nutzen von Großprojekten, auch der Aufwand wird stets kleingeredet.

 

Viele Politiker glauben den Versprechungen im Hinblick auf Preis und Zeit, die Auftragnehmer versprechen im Gegenzug unrealistisch viel. Ob Politik oder Auftragnehmer: beide wollen sich nicht nur im Glanze ihres Projekts erstrahlen lassen, sie tun alles, um den Zuschlag für ein prestigeträchtiges Projekt zu ergattern.

 

Aufgrund des Spardrucks entscheidet man sich für das billigste Angebot und vergisst dabei das damit einhergehende höhere Risiko, dass der Auftragnehmer schnell in die Insolvenz gehen kann.

 

Für viele private Generalunternehmer geht Sparen vor Wirtschaftlichkeit – keine gute Entscheidung

 

Nicht nur der Staat als Bauherr, auch private Investoren machen ihre Sache nicht viel besser. Im Gegenteil: die Bauwirtschaft hält Kosten- und Zeitüberschreitungen bei Großbauvorhaben sogar für nicht vermeidbar. Dabei kommt es zu Begründungen wie schlechtes Wetter, archäologische Ausgrabungen oder Munitionsfunde, die zu erheblichem Zeitverzug führen können.

 

Im Gegenzug führen höhere Rohstoffpreise zu vorab nicht planbaren Zusatzkosten. Da es sich bei Großbauprojekten stets um Unikate handelt, die eines jahrzehntelangen Planungsvorlaufs bedürfen, gibt es natürlich entsprechend viele unvermeidbare Risiken. Das betrifft auch Umplanungen, denn aufgrund der langen Bauzeit muss ein Großprojekt am Ende auch den rechtlichen und technischen Standards entsprechen.

 

Andererseits muss aber auch klargestellt werden, dass es ebenso vermeidbare Risiken gibt – vorausgesetzt, die Verantwortlichen setzen auf ein straffes Projektmanagement sowie auf eine gute Planung. Gleichzeitig bedarf es für jeden Bauabschnitt einer entsprechenden effektiven Kontrolle. Nachträge oder spätere Sonderwünsche (wie sie vielfach von der Politik herangetragen werden) kosten hingegen viel Zeit und Geld.

 

Vergessene Planung und ungenügende Abstimmung verschlimmern die Lage

 

Immer wieder werden Forderungen durch die Baubranche laut, Aufträge bei Großbauprojekten grundsätzlich nur noch an Generalunternehmer zu vergeben. Doch gerade eine solche Vergabe führt in den meisten Fällen zu einer fehlenden Fortschreibung der Baupreise innerhalb der Planung. Das Ergebnis: Mondpreise bis zur endgültigen Fertigstellung aufgrund ständiger Korrekturen.

 

Weitaus vorteilhafter wäre hingegen die Vergabe von Teillosen. Dass es aus Sicht der Bauwirtschaft hierbei zu ständigen Konflikten zwischen den Gewerken kommt, ist ein allgemeiner Trugschluss. Vergabekonflikte entstehen immer dann, wenn es sich um ein schlechtes Projektmanagement handelt. Das bisherige Gegeneinander am Bau sollte daher aufgrund der letzten Erkenntnisse endlich der Vergangenheit angehören.

 

Demonstrative Einigkeit statt Bürgerehrlichkeit

 

Auch wenn Deutschland – das darf nicht vergessen werden – mit seiner Branche „Großbauprojekte“ unglaublich erfolgreich ist, dürfen die Kosten von Großbaustellen nicht weiter politisch motiviert – d.h. zu niedrig – angesetzt werden.

 

Weiter muss ein Riegel vorgeschoben werden, Projektteile zu bauen, obwohl für das Gesamtprojekt noch gar keine Genehmigung vorliegt. Partnerschaftsehrlichkeit bei Großbauprojekten setzt vielmehr eine sachliche und regelmäßige Kommunikation zwischen Baufirmen und Generalunternehmern bzw. der öffentlichen Hand voraus.

 

Leider entwickelt sich ein solches Verständnis zwischen den Vertragsparteien erst vor Gericht. Dort stellt sich dann die Frage, wer das finanzielle Risiko bei Verzögerungen zu tragen hat. Ein „Schwarzer-Peter-Kinderspiel“, das zwischen den Baubeteiligten abläuft. Doch dies kann nicht die Zukunft des Bauens bedeuten.

 

Risikoanalyse und Risikotransparenz: die künftigen „Türöffner“ bei Großbauprojekten

 

Bei jeder Ausschreibung sollten künftig nur noch solche Unternehmen bevorzugt werden, die auch dazu bereit sind, mögliche Risiken bei Großbauprojekten transparent zu benennen und zu berechnen. Denn nur derjenige, der auch dazu in der Lage ist, eine Risikobewertung vorzunehmen, setzt auf Qualität in seinem Angebot.

 

Es muss die richtige Balance zwischen Risikovermeidung und -zulassung gefunden werden. Denn eines sollte auch ganz deutlich zum Ausdruck kommen: Eine vollständige Vermeidung von Risiken zieht auch immer eine vollständige Vermeidung von Chancen nach sich.

 

© Autor: Dietmar Kern

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