FÖRDERUNG DER BAUKULTUR - EINE NEUE INITIATIVE DER LANDESREGIERUNG

Foto: kokliang1981 - fotolia.com
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Viele Bürger, Vereine, Verbände und Institutionen engagieren sich für die Baukultur im Land. Das Netzwerk Baukultur Baden-Württemberg will allen ein gemeinsames Forum bieten, um Erfahrungen auszutauschen und Initiativen zu entwickeln. Fragt man Menschen, wie sie am liebsten leben und wohnen würden, liegt heutzutage die „Stadt der kurzen Wege“ als Antwort ganz vorne. Die wichtigen und notwendigen Dinge des Alltags sollen schnell und unkompliziert zu erledigen sein, weshalb Geschäfte aller Art, Handwerksbetriebe, Lokale, Ärzte, Schulen und Kindergärten sowie andere Einrichtungen gut erreichbar sein sollen. 

Eine solche Nutzungsmischung in einem Quartier ermöglichst es insbesondere auch älteren Menschen, sich möglichst lange selbst zu versorgen, was in Zeiten demografischen Wandels eine immer wichtigere Rolle spielt in den Städten und Kommunen.

 

Die Entwicklung solcher gemischten Quartiere, die gerade dann besonders beliebt sind, wenn sich Neubauten gut einfügen und öffentliche Plätze einladend gestaltet sind, gehört daher längst zu den zentralen Planungsaufgaben der Kommunen. Um sie bei dieser Gemeinschaftsaufgabe zu unterstützen, an der auch die Bürger aktiv mitwirken sollen, hat das Land Baden-Württemberg eine zentrale Plattform für Baukultur ins Leben gerufen und fördert auf diesem Weg seit vergangenem Jahr unter anderem so genannte Gestaltungsbeiräte. Aktuell erhalten zehn Städte und Gemeinden in Baden- Württemberg eine solche Förderung des Landes, darunter neben Filderstadt, Kirchheim unter Teck, Reutlingen, Schorndorf und Ulm auch die Landeshauptstadt Stuttgart. Um diesen Ansatz weiter auszubauen und voranzutreiben, wird das zuständige Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau zudem auch in diesem und im nächsten Jahr Städte und Gemeinden beim Aufbau von Gestaltungsbeiräten finanziell unterstützen.

 

Diese sollen nach der Vorstellung des Wirtschaftsministeriums als eine Art unabhängig beratendes Sachverständigengremium „zukunftsweisende funktionale und ästhetische Antworten auf die planerischen und baulichen Anforderungen der Kommunen finden“. Darüber hinaus soll mit der Arbeit der Gestaltungsbeiräte ein lokaler Dialogprozess über Baukultur initiiert werden, der über die neuen Impulse einen Mehrwert für die Kommune, ihre Entscheidungsträger und die Bürgerschaft bringt. Um das zu erreichen, so ein Sprecher des Ministeriums, sei eine transparente und offene Arbeitsweise des Gestaltungsbeirats wichtig.

 

Die Förderung wird dabei über eine Anteilsfinanzierung mit maximal 20 000 Euro pro Kommune für eine Laufzeit von zwei Jahren gewährt. „Die Attraktivität von Bauten, Stadtund Freiräumen ist ein wichtiger Faktor für Lebensqualität und für die Wettbewerbsfähigkeit von Kommunen. Mit dem Gestaltungsbeirat haben wir ein Forum geschaffen, in dem sich externe Expertinnen und Experten mit lokalen Entscheidungsträgern sowie Bürgerinnen und Bürgern austauschen können, um gemeinsam das Stadtbild zu entwickeln“, so Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut: „Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Erhalt und zur Entwicklung der lokalen Stadtbilder in Baden-Württemberg.“

 

Gestaltungsbeirat genießt eine hohe Akzeptanz

 

Mit der aktuellen Förderung unterstützt das Land Kommunen, die zum ersten Mal einen solchen Gestaltungsbeirat einsetzen wollen. Bereits die Auslobung der Landesförderung im Jahr 2015 wurde von den Städten und Gemeinden in Baden- Württemberg gut angenommen. Die Mitglieder des Gestaltungsbeirats setzen sich in der Regel aus unterschiedlichen planerischen Disziplinen und anderen relevanten Tätigkeitsfeldern zusammen, darunter etwa Architekten und Städteplaner, aber auch interessierte Bürger und Bauherren. Auch Kommunalpolitiker der verschiedenen Fraktionen, Mitglieder lokaler Gruppen oder Verbände sowie kommunale Bedienstete können als Sachverständige an den Sitzungen der Gestaltungsbeiräte teilnehmen.

 

Die Beratungsfelder sind weit gefasst und reichen von privaten oder öffentlichen Bauvorhaben über städtebauliche Maßnahmen bis hin zu Gestaltungssatzungen. Nicht zuletzt soll zudem auch die Öffentlichkeitsarbeit gefördert werden, „damit sich die Bürger gut informiert für die baukulturelle Qualität vor Ort engagieren können“, wie das Wirtschaftsministerium betont. Bei der praktischen Arbeit wird dabei beispielsweise über Bauvorhaben debattiert, die aus städtebaulicher Sicht oder auch lokalgeschichtlich bedeutend sind. Bevor ein solches Projekt angegangenen werden kann, durchläuft es zahlreiche Planungsund Ausführungsphasen, von der Grundlagenermittlung bis zur Bauabnahme. Bei der Planung kommt es mit Blick auf das Umfeld eines Neubaus insbesondere darauf an, einerseits eine zukunftsweisende funktionale und ästhetische Gestaltung zu finden. Gleichzeitig geht es aber auch immer darum, das bau- NÜTZLICHER LINK: www.baukultur-bw.de kulturelle Erbe des Ortes zu erhalten und einen Neubau so zu planen, dass er sich in das Stadtbild einfügt.

 

Die Empfehlungen der Gestaltungsbeiräte spielen bei der Entscheidungsfindung zwischenzeitlich vielfach eine wichtige Rolle, und das in immer mehr Gemeinden und Städten. In der Landeshauptstadt Stuttgart beispielsweise hat der aus insgesamt acht Architekten, Stadt- und Landschaftsplanern bestehende Gestaltungsbeirat Anfang dieses Jahres seine Arbeit aufgenommen und dabei mit der kritischen Beurteilung verschiedener Bauvorhaben gleich ein Zeichen gesetzt, darunter ein Wohnungsbauprojekt der städtischen Tochter SWSG. Gleichzeitig hat das Gremium kreative Alternativvorschläge unterbreitet, wie die Vorhaben aus ihrer Sicht besser umgesetzt werden könnten. Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne), der sich für die Einrichtung des geförderten Fachgremiums mit Mitgliedern aus Deutschland und Österreich eingesetzt hatte, zeigte sich nach dem ersten Treffen jedenfalls zufrieden mit dem Ergebnis. Die Anregungen des Beirats seien eine große Hilfe für Investoren und Architekten, aber auch für die Verwaltung und den Gemeinderat, so Pätzold, der selber Architekt ist.

 

Gerade weil heute so viel gebaut wird wie selten zuvor, so die gängige Expertenmeinung, ist das Thema Baukultur, das viele Lebensbereiche berührt, besonders wichtig. Immer mehr Städte im Land und auch in der Region Stuttgart richten daher solche Gremien ein, die zwischenzeitlich von allen Beteiligten als Instrument der Qualitätssicherung gesehen werden und auch dazu beitragen sollen, das Ringen um städtebauliche Qualität nachvollziehbar und transparent zu machen. Denn das starke Wachstum in den Metropolen und Ballungsräumen führt immer wieder auch zu Akzeptanzproblemen in der Bevölkerung. Auch in diesem Punkt kann ein Gestaltungsbeirat wertvolle Arbeit leisten, wie zwischenzeitlich auch Bauherren finden. Denn während die zusätzliche Schleife anfangs oft noch als Schikane empfunden wurde, sehen viele Immobilienunternehmen längst einen Gewinn darin. Zwar kosten die Projektpräsentationen und Diskussionen in einem Gestaltungsbeirat zunächst Zeit, zumal dann, wenn sich dadurch noch Änderungen ergeben. Doch ein Projekt, das letztlich ohne Wenn und Aber vom Gestaltungsbeirat durchgewunken wird, geht hinterher umso schneller durch die Verwaltung.

 

© Autor: slm

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