VIEL LUXUS, WENIG MÖBEL - Was sich hinter dem Trend-Phänomen Minimalismus verbirgt

Foto: DigitalGenetics - fotolia.com
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Tisch, Stuhl, Regal, Bett, Lampe – fertig ist die Wohnungseinrichtung. So oder so ähnlich stellen sich viele die Möbelkonstellation im Zuhause eines Minimalisten vor: Spartanisch möbliert, absolut kein Schnickschnack. Aber stimmt das tatsächlich? Bei Gero Gröschel, einem bekennenden Minimalisten aus Stuttgart-Bad Cannstatt, stimmt dieses Bild nicht ganz überein. 

Das liegt auch daran, dass sich seine Definition von Minimalismus an etwas anderem als an dem radikalen „Alles muss raus“-Prinzip orientiert. „Ich würde Minimalismus als eine Art Gegenbewegung zur „Shoppe Dich glücklich“-Mentalität beschreiben, die leider durch Werbung und Marketing in vielen Köpfen entsteht“, erläutert er das Phänomen. Die bewusste Entscheidung zur minimalistischen Lebensweise und -einstellung sieht er vor allem als Weg, dem enormen Ressourcenverbrauch, den Müllbergen und allen damit einhergehenden Problemen zu begegnen. Dennoch registriert man das Minimalismus- Konzept aktuell in vielen Lebenslagen – wo genau und wie man es im Alltag und im Wohnbereich anwendet, erfahren Sie auf den folgenden Seiten.

 

„Weniger ist mehr“ - die Entscheidung, mit wenig auszukommen, ist mitunter schwierig und paradox

 

Das Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main hat das Thema hat das Thema Minimalismus unter dem Begriff der Achtsamkeit aufgegriffen: Minimalismus bezieht sich vor allem auf das bewusste Verzichten, den Anspruch an die eigene Lebensweise, um diese möglichst nachhaltig und mit hoher Lebensqualität zu gestalten. „Das Phänomen des neuen Minimalismus ist Teil der vielfältigen und wachsenden Resonanzgesellschaft, die auf die Verschwendungskultur unseres Zeitalters reagiert“, so die Autoren Anja Kirig und Daniel Anthes über den Trend. Grundsätzlich können zwei grobe Hauptrichtungen identifiziert werden: Einige Minimalisten möchten mit ihrem Lebensstil vor allem gegen die heutige Konsumgesellschaft und den Konsumzwang protestieren und zurück zu einer selbstbestimmteren Form finden. Anderen geht es vermehrt darum, die unendliche Auswahl und Reizüberflutung durch Medien und Überangebote zu reduzieren. Der Ursprung des Minimalismus ist auf einen kunstgeschichtlichen Zusammenhang zurückzuführen: die Bezeichnung Minimalismus wurde hier erstmals 1965 als Überbegriff für die Werke einer Gruppe von amerikanischen Künstlern geprägt, deren Skulpturen lediglich aus geometrischen Körpern wie Kuben, Kegeln oder Zylindern bestanden. Von der Kunst wanderte die Idee des dreidimensionalen, schlichten Raumes Ende der 70er Jahre in die Architektur und das Design. Dennoch sind die Grundsätze des Minimalismus nicht neu und können nicht auf eine Epoche beschränkt werden, sondern sollten vielmehr als ein sich stetig weiter entwickelnder Stil verstanden werden. Und dieser findet besonders in der Design- und Wohnwelt Anklang und kann Jahr für Jahr neu erfunden und interpretiert werden. Das Motto vieler Minimalisten lässt sich in fünf Leitsätzen zusammenfassen, die im Englischen einprägsam alle mit dem Buchstaben „R“ beginnen: Refuse (verweigern), Reduce (reduzieren), Reuse (wiederbenutzen), Repair (reparieren), Recycle (recyceln).

 

Minimalistisch Leben - Anwendbar ist Minimalismus auf nahezu alle Sparten des Lebens: das Konsumverhalten, die Ernährung, das Reisen, aber auch das Wohnen

 

Beim Lebensstil Minimalismus geht es besonders auch darum, sich die Frage zu stellen, welche Folgen der eigene Konsum hat. Im Mittelpunkt steht die wertvolle eigene Zeit und wie man diese möglichst sinnvoll nutzt. Minimalistisch leben bedeutet also auch, sich nicht mit Menschen zu umgeben, die einem nicht gut tun. Zeit sei die knappste Ressource des Menschen konstatiert Steffen Frys in seinem Projekt Minded an der Hochschule Pforzheim, in dem er ebenfalls dazu anregen möchte, über das eigene Konsumverhalten nachzudenken. „Da der Tag nur 24 Stunden hat, kann man nur ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit spenden, das sind menschliche Voraussetzungen. Da wir uns mehr Dinge leisten können, als wir Aufmerksamkeit haben, überfordern wir uns permanent.“ Die persönliche Auslegung und Definition bleibe aber jedem selbst überlassen: „Wer sich einen Porsche kaufen möchte, soll das ruhig tun. Solange er sich bewusst dafür entscheidet und sicher ist, dass er ihn braucht.“

 

Gleichzeitig wächst die Bandbreite an minimalistischen Angeboten in allen Bereichen: „Von Minimalist Cooking über Minimalist Digital Design bis hin zu Minimalist Ikea reicht die Bandbreite an Produktalternativen, die einen Minimalismus versprechen – allerdings nur, wenn man sie zunächst konsumiert“ beschreiben Anja Kirig und Daniel Anthes das zweischneidige Schwert des Minimalismus-Trends - der Begriff ist so erfolgreich, dass inzwischen Dienstleister anbieten, ihren Kunden das Verzichten näher zu bringen. In der Wohnkultur ist im Moment die „tiny houses“-Idee in aller Munde. 6,4 Quadratmeter - darauf soll alles geboten werden, was man zum Leben braucht, meint Architekt Van Bo Le-Mentzel zu seinem Modell „Tiny100“. Die Idee für das postmigrantische Bildungsprojekt wurde in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Akteuren aus Kultur, Wissenschaft und Kreativität an der Tinyhouse University in Berlin kreiert. In insgesamt 20 mobilen „Tinyhouses“ sollen am Bauhaus Campus Berlin Studienräume, ein Café, Ateliers, Werkstätten und eine Bibliothek entstehen.

 

Minimalistisch Wohnen - hochwertige Produkte und das bewusste in Szene setzen von Möbelstücken zeichnen den Einrichtungsstil aus

 

Minimalismus in der Wohnwelt kann aber auch auf das Design ausgelegt werden: ein Objekt auf seine Essenz und Funktionalität zu reduzieren lautet der Anspruch an minimalistisch gestaltete Wohnobjekte. Komplexe und komplizierte Technik wird in eine ruhige Form integriert. Und dieses Phänomen hat sich großflächig in allen Sparten durchgesetzt: angefangenen bei den „tiny houses“ über Möbelstücke, die allein durch ihre Schlichtheit bestechen, bis hin zum Design der Smart-Phones, die neben technischen Argumenten auch durch ihr filigranes Erscheinungsbild bestechen - entsprechend der Erfolgsphilosophie von Apple. Das minimalistische Design speziell im Medienbereich soll vor allem der Orientierung und Übersichtlichkeit dienen: Leitgedanke ist dabei die benutzerfreundliche Bedienung und Anpassung an die Bedürfnisse der Nutzer, gleichzeitig wird auf einen möglichst sparsamem Umgang mit den Materialien und Design-Werkzeugen geachtet.

 

Asketisch gestaltete Möbel etwa im Bauhaus-Design, im skandinavischen Stil oder im klassisch-japanischen Stil wirken sich laut Experten förderlich auf die Kreativität und den Weg zu sich selbst aus. Passend dazu werden die Farben Weiß, Grau, Schwarz - sogenannte Nicht-Farben, eingesetzt, die bewusst keine spezielle Wirkung erzielen sollen. Außerdem kennzeichnen Chrom, Glas und harte Kanten die Designs in diesem Stil im Einzelnen, in inzwischen immer öfter ganzheitlichen Konzepten bedeutet dies den kompletten Verzicht auf dekorative, ausschmückende Elemente und das Herunterbrennen auf die wesentlichen Aspekte. Im Design, wie in den anderen Lebensbereichen, ist Minimalismus keine Modeerscheinung, sondern eine Einstellung, und die wird bis ins letzte Detail und aus voller Überzeugung angewendet. Dennoch bedeutet weniger nicht gleich weniger hochwertig: In einer minimalistischen Wohnung finden sich zwar meistens in der Gesamtanzahl weniger Möbelstücke und Wohnartikel, dafür aber meist umso hochwertige Elemente - „viel Luxus, weniger Möbel“ sagt man dem minimalistischen Einrichtungsstil nach.

 

Die Kunst des Minimalismus liegt darin, Platz zu schaffen: Grundvoraussetzung für den Look ist beispielsweise ein freier Fußboden. Um das Prinzip konsequent anzuwenden, sollte man sich bei den einzelnen Objekten nach ihrer Funktion fragen. Besonders in kleinen Wohnungen kann auf „Zwei in eins“-Lösungen gebaut werden: der Esstisch kann simultan auch als Arbeitsplatz genutzt werden, die Couch kann als Übernachtungsstätte für Gäste dienen. Allerdings schließen sich Reduktion und Gemütlichkeit nicht aus: klare Linien können mit passenden Akzenten für eine ruhige Atmosphäre sorgen, außerdem sorgen griffige Stoffe, Holz mit Maserung oder edles Leder für ein stimmiges Ambiente. Farblich gesehen sollte man von einer dezenten Grundfarbe ausgehen, die gezielt mit Kontrastfarben komplementiert wird. Im Naturlook zum Beispiel von Sand bis Stein ergänzt mit hellen Rattan- Möbeln und Grünpflanzen, oder die Trendfarbe Salbeigrün als Wandanstrich oder Möbelbezug in Kombination mit Highlights in cremeweiß, lavendel und schwarz. Auch die klassische Variante mit hellgrauen Wänden und weiß lasierten Holzmöbeln kann aktuell mit im Trend liegenden lachsfarbenen Accessoires aufgewertet werden.

 

Minimalistisches Prinzip: Bewusste Auswahl und bedachter Umgang mit materiellen Gütern, anstelle wilder Entrümpelung

 

„Postmoderne Minimalisten üben nur dann eine gesellschaftliche Funktion aus, wenn nicht wahllos aussortiert wird, sondern eben bewusst mit materiellen Gütern umgegangen wird“ betonen Kirig und Anthes im Rahmen ihres Beitrags zur Studie über die neue Achtsamkeit. Gero Gröschel kam erstmalig während einer Nepal-Reise im Jahr 2006 zu der Erkenntnis, etwas an seinem Konsumverhalten zu verändern, da Besitz bekanntlich nicht immer glücklich macht. Inspiriert vom Jahrestreffen der Minimalismus-Blogger in Hamburg 2014, wo er zum ersten Mal auf Minimalisten traf, baute er über die Jahre auch in Stuttgart eine starke Minimalismus-Community auf. Inzwischen finden regelmäßig Minimalismus-Stammtische im Café Babel statt: „Hier treffen sich die unterschiedlichsten Menschen mit allgemeinem Interesse an Minimalismus und tauschen sich über ihre Erfahrungen aus“, so Gero Gröschel.

 

Entgegen der allgemeinen Annahme und des Klischees bedeutet minimalistisch leben also nicht gleich immer eine komplette Entrümpelung, sondern man kann auch mit kleinen Handgriffen einen Hauch Minimalismus ins Leben bringen. Bereits kleine Veränderungen können ein Stück Einfachheit einbauen. Ein erster Schritt ist beispielsweise sich beim Einkaufen die Frage zu stellen: „Brauche ich das wirklich?“ Allgemein lohnt es sich bei vielen Produkten sowohl die gesamte Produktionskette als auch die Entsorgungskette in Betracht zu ziehen und diese bei der Kaufentscheidung einfließen zu lassen. Getreu dem Motto „Aus alt mach neu“ lohnt sich der Gang zum Second Hand Shop, anstatt immer gleich auf die neuen und gängigen Labels zu setzen. Konträr zu der Entwicklung der sogenannten Wegwerfgesellschaft ist gerade auch das Reparieren von Gegenständen und Geräten ein wichtiger Beitrag zum nachhaltigen Dasein, auch um die stetig steigende Müllproduktion einzudämmen. Zum Lifestyle des Minimalismus zählt selbstverständlich auch der überlegte und sparsame Umgang mit Ressourcen wie Wasser, Gas und Strom.

 

Aufräumen, Ausmisten und Aussortieren, um sich auf die materiellen Dinge zu beschränken, die man wirklich braucht oder die einen emotionalen Wert besitzen, ist bei vielen der erste Schritt zur Bewusstseinserweiterung. Ein minimalistisches Leben muss aber nicht automatisch bedeuten, eine möglichst spärlich eingerichtete Wohnung und nur wenige Gegenstände, Kleidung und Bücher zu besitzen. Minimalismus kann ebenso gut bedeuten, sich darauf zu konzentrieren, dass das Konsumverhalten und der Umgang mit Ressourcen einen möglichst minimalen ökologischen Fußabdruck in der Welt hinterlassen. Und bei ausgewählten Artikeln darf es trotzdem dann auch mal ein bisschen Luxus sein. „Ein gut geschärftes Küchenmesser“ - antwortet zum Beispiel Gero Gröschel auf die Frage, worauf er niemals verzichten könnte.

 

© Autorin: Jessica Schmucker

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