DIE ZUKUNFT DES WOHNENS - wie wir Leben, Wohnen und Arbeiten unter einem Dach vereinen

Foto: deagreez - fotolia.com
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Heutzutage sind die Übergänge zwischen Wohnen, Arbeiten, sozialem Umfeld und Rückzugsort immer fließender: durch Dauererreichbarkeit und Home Office wird der Job oft mit nach Hause genommen, gleichzeitig soll man hier aber auch abschalten können oder einen unterhaltsamen Abend mit seinen Freunden verbringen.

Wie soll das alles unter einem Dach stattfinden? Dieser Frage und der Zukunft des Wohnens widmet sich die aktuelle Trendstudie “50 Insights - Zukunft des Wohnens” des Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main. Die Studie deckt Megatrends auf, beantwortet praktische und philosophische Fragen und untersucht einflussreiche Faktoren rund um das Thema Wohnen. „Kaum etwas bestimmt unser Leben so sehr, wie die Räume, die uns umgeben. Beim Thema Wohnen manifestiert sich die ganze Tragweite der Megatrends. Hier wird ihre Wirkung sichtbar und spürbar”, erläutert Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, die Bedeutung der Studie.

 

Das Zukunftsinstitut ist ein internationaler Think-Tank für Trend- und Zukunftsforschung, welcher Trends und gesellschaftlichen Veränderungen nachgeht, um mögliche Rückschlüsse auf Wirtschaft und Gesellschaft aufzeigen zu können. Das konkrete Ziel der Studien ist es, den Wandel greifbar und verständlich zu machen und dessen Möglichkeiten zu identifizieren und wahrzunehmen. Basierend auf Trendanalysen und individuellen Methoden werden die Potenziale verdeutlicht, die sich aus den Entwicklungen ergeben, um zukunftsweisende Strategien und Innovationen für Unternehmen und Individuen zu ermöglichen. So sollen auch in der aktuellen Trendstudie Anregungen und potenzielle Impulse sowie Verknüpfungen für Stadtentwicklung, Möbelherstellung, Einrichtungsstile und Zusammenleben gesetzt werden. Grundsätzlich wird Wohnen achtsamer, Städte ländlicher, öffentliche Flächen gemeinschaftlicher und Möbel multifunktionaler.

 

Um diese teils paradoxen Phänomene zu beschreiben, haben die Autoren mit sogenannten “schwingenden” Fragen gearbeitet; dadurch haben sich neue Perspektiven, unabhängig von eventuellen Klischees ergeben. Das Ergebnis sind 50 Antworten auf praktische, philosophische und Megatrend-Fragen zur Wohnwelt von morgen. Auf den folgenden Seiten haben wir einige Highlights und kuriose Trends dieser Studie herausgepickt.

 

Praktische Raum-Definitionen, philosophische Ansätze für Konzeptionen und Megatrends, die das öffentliche und das private Leben in Zukunft bestimmen

 

Urbanisierung, Individualisierung und Konnektivität bestimmen das allgemeine Geschehen und werden auch zukünftig den Ton in Sachen Wohngestaltung angeben. Außerdem ist Flexibilität das A und O im Hinblick auf die Zukunft des Wohnens: Form und Funktionalität von privaten und öffentlichen Räumen passen sich stets an die aktuellen Gegebenheiten an, die sich wiederum schnell verändern können. “Es geht darum, Lebensräume zu schaffen, die eine Anpassung an sich stetig wandelnde Bedürfnisse ermöglichen. In Zukunft bestimmt nicht nur die räumliche Privatsphäre die Lebensqualität. Der Schwerpunkt verschiebt sich von ‘square meters’ hin zu ‘shared meters’. Das stellt das traditionelle Verständnis der eigenen vier Wände auf den Kopf ”, erklärt Oona Horx- Strathern, eine der zwei Autorinnen der Trendstudie.

 

In der zweiten Rubrik der Studie werden zwölf Megatrends identifiziert, die von Mobilität über Gesundheit und Silver Society bis hin zu Globalisierung und Gender Shift reichen. Als Megatrends werden jene Trends bezeichnet, die einen epochalen, umfassenden Charakter aufweisen und im Durchschnitt 30 Jahre oder länger ein Gebiet bestimmen. Noch entscheidender als die Dauer sind jedoch die konkreten Auswirkungen, die die Trends auf das soziale Zusammenleben, die Wirtschaft und die Gesellschaft haben.

 

Das Agora-Prinzip soll das kooperative und kollektive Leben durch Diversität und mehr gemeinschaftliche Schnittpunkte im öffentlichen Raum fördern. Neben der stetigen Öffnung und Verknüpfung der globalen Gesellschaft und dem Streben nach Multi-Funktionalität folgt die Zukunft des Wohnens aber vor allem einem Trend: Achtsamkeit. Der zukünftige Wohnraum soll durch klare Strukturen die Räume und ihre Funktion voneinander abgrenzen und es ermöglichen, sich gezielt der jeweiligen Tätigkeit bewusst zu widmen. “Die Prinzipien der Achtsamkeit in Architektur, Design und Denken sind natürlich nicht nur für das eigene Zuhause von Bedeutung, sondern auch - in einem größeren Maßstab - für die Städteplanung”, so Autorin Christiane Varga. Das gelte für die Küche als Ort gemeinschaftlichen Kochens genauso wie für das Bad als Ort des persönlichen Rückzugs.

 

In der Studie wird auch philosophischen Fragen nachgegangen: Wie glücklich müssen unsere Städte sein? Ist die Architektur tot - oder doch lebendiger denn je? “Lebendiges Wohnen heißt, sich mit dem Anderen und der Umwelt zu beschäftigen. Es ist etwas genuin Sinnliches und Menschliches. Das Smart Home braucht daher eine soziale Intelligenz. Die technologische Überfrachtung ist kein zukunftsfähiges Modell“, antwortet Oona Horx-Strathern auf die Frage, wie smart Häuser tatsächlich sein müssen. Der philosophische Blickwinkel soll neue Möglichkeiten eröffnen, da die philosophische Dimension des Wohnens heute weitestgehend außer Acht gelassen werden, aber besonders im 21. Jahrhundert dieser Diskurs und der Umgang mit Paradoxien thematisiert werden sollten, betont Harry Gatterer. Wie diese Paradoxien konkret auf die Wohnräume, die Einrichtung und das Zusammenleben angewendet werden, lesen Sie auf den nachfolgenden Seiten.

 

Welche Bedeutung und welche Funktion wird in Zukunft den einzelne Räumen in unserem Zuhause zugeschrieben?

 

Da wäre zum Beispiel das Schlafzimmer: die Ansprüche an unseren Ruheort, genau genommen das Bett, wachsen stetig - aus umweltbewusster Herstellung, aus natürlichen Materialien und gesundheitsfördernd sollte es sein. Bettgestell, Matratze und Lattenrost sind also mit Sorgfalt auszuwählen, ebenso wie eine entsprechende Bettwäsche um den Schlafkomfort zu optimieren. Im Schlaf wird Kraft getankt, die vielen Eindrücke vom Tag verarbeitet und der Stress endlich abgelegt, daher sollte man sich hier besonders wohl fühlen. Deshalb ist zum Beispiel auch das Ambiente und Setting des Schlafzimmers von Bedeutung für einen optimalen Erholungspol, angefangen bei der idealen Raumtemperatur zwischen 16 und 18 Grad Celsius oder kleinen Accessoires wie Duftkerzen. Außerdem sollten Laptops und Tablets vom Nachttisch verbannt werden. Wer sich intensiv auf das Schlafen vorbereiten möchte, kann sein Einschlafritual auch mit Entspannungsübungen einleiten.

 

Während das Schlafzimmer sich zur traumhaften Entspannungsoase entwickelt, dreht sich in der Küche alles um Geselligkeit und Ambition. Die soziale Dimension der Küche als Dreh- und Angelpunkt im Zuhause lebt auf: Kochen in Gesellschaft, Kochen als Meditation, Kochen als Gourmet-Genuss - die Facetten sind vielfältig, die Funktionen unendlich. Die Küche gilt immer mehr als „Spiegel unserer Lebensstile“ und als Bühne, auf der wir die Themen wie gesunde Ernährung oder Rollenverteilung austragen, aber auch unsere Designideen manifestieren. Zukünftig werden Küchendesigns besonders grün werden, was zum Beispiel eine natürliche Lagerung von Lebensmitteln, energieeffiziente Küchengeräte und individuelle Einarbeitung von Naturelementen beinhaltet. Die Gestaltung der Oberflächen und Formen wird weicher, natürlicher und haptischer - egal ob Mann oder Frau am Herd steht.

 

Die Küche als Gesellschaftsort, das Schlafzimmer zum Ausruhen - bei vielen rückt das Badezimmer in den Hintergrund und verliert an Aufmerksamkeit. Dabei entwickelt sich auch hier ein rückläufiger Trend zu möblierter Gestaltung, wie man es Anfang des 20. Jahrhunderts pflegte: freistehende Badewannen, Holzböden und Tapeten statt abwaschbaren Fliesen, individuelle Möbelstücke statt einheitlicher Armaturen. Gleichzeitig darf modernes, klares Design und Technik - die Power-Dusche gehört zu den essentiellen Elementen des perfekten Zuhauses laut einer Umfrage von Dreamworks - nicht fehlen. Diese Kombination entspricht dem Trend der Achtsamkeit, der auch vor dem Badezimmer keinen Halt macht. Gesundheitsbewusstsein ist nicht nur Teil der Küche, sondern wird ebenso stark im Badezimmer gelebt und verwandelt dieses von einer rein funktionellen Waschstätte in einen mit Liebe zum Detail gestalteten Raum.

 

Möbel sollen zum Wohlfühlen und Verweilen einladen und vor allem transportabel sein

 

Modulare Systeme und Möbel mit mehreren Funktionen erobern bereits den Markt; in Zukunft wird sich das Möbel- und Interiordesign aber noch verstärkter auf die Gesamtkonzeption und die Umgebung konzentrieren. Einrichtungsgegenstände sollen zum Wohlfühlen und Verweilen einladen, am besten viele Facetten zeigen und transportabel sein. Im Zeitalter der wechselnden Wohnorte, internationalen Jobs und mehrerer Wohnsitze, müssen Möbel einfach und systematisch mit umziehen können. Hier kommt insbesondere auch das Konzept der Small Space Solutions zum Tragen, um wenig Platz effektiv und gleichzeitig ästhetisch zu nutzen.

 

Und woher bekommt man diese Möbel? Die Antwort lautet, wie auf so viele Fragen, aus dem Internet. Soziale Medien und dauerblinkende Werbebanner verändern das Kaufverhalten elementar, auch beim Möbelkauf. Dabei soll man nicht einfach wahllos durch Kataloge online klicken und an verschiedenen Stellen seine Häkchen setzen; auch beim Online-Kauf wird heutzutage auf Individualität und Beratung gesetzt: 3D-Darstellungen und eigens entwickelte Programme, um sich sein Möbelstück Detail für Detail zusammen zu bauen, erlauben einzigartige Modular-Systeme und Einrichtungsstücke. Im Bereich eCommerce gilt es jedoch zu beachten, dass diese Angebote vorwiegend größere Ketten ermöglichen, wogegen kleinere Händler und Familienunternehmen mangels Ressourcen diese Offerten nicht immer sicherstellen können. Inspirationen können dabei online eingeholt werden - um diese dann an den Schreiner seines Vertrauens weiterzugeben.

 

Das IKEA-Syndrom - wer wohnt denn hier noch?

 

Der schwedische Möbelgigant, der die Gesellschaft zurück an Hammer und Akku-Schrauber gebracht hat, ist weiterhin weltweit allgegenwärtig. „Do it yourself “ im Sinne von IKEA hat sich zu einem Lebensstil etabliert - Menschen schreiben Möbeln, die sie zum Teil selbst zusammen gebaut haben, einen höheren Stellenwert zu und sind auch bereit, diesen zu bezahlen. Neben der Rückbesinnung auf Handarbeit spielt auch das Umweltbewusstsein eine größere Rolle - Blumenvasen aus alten Wasserflaschen, Regale aus Weinkisten oder Bettgestelle aus Europaletten sind nur einige Beispiele für Wiederverwertbarkeit; im Internet finden sich unzählige Tipps und Anleitungen zum Bauen von Einrichtungsgegenständen aus alten Paletten oder anderen ausrangierten Materialien.

 

Die Ironie am IKEA-Syndrom liegt darin, dass hinter der Idee, selbst Hand anzulegen und ein individuelles Möbelstück anzufertigen, inzwischen ein Individualitätsverlust mit einhergeht, denn die IKEA-Serien werden millionenfach in Wohn- und Schlafzimmern auf der ganzen Welt zusammengeschraubt. Das Phänomen wird als „Fractal Living“ betitelt und bedeutet, dass die Unterschiede immer mehr im Detail zu finden sind. Möbel und Accessoires werden in Zukunft verstärkt akribisch ausgesucht, um sie dann zu einer eigenen Komposition zusammen zu führen, die neben den selbstgebauten IKEA-Regalen eben auch Recycelte Bauprojekte und Einzelstücke von Reisen beinhaltet.

 

Rundum Wohlfühlen - da ist der zentrale Punkt bei Hygge. Neben den Aspekten, die jeder Mensch braucht, um dem Ge- Hygge - der Megatrend aus Dänemark - setzt sich zunehmend auch in Deutschland durch fühl von Geborgenheit zuhause möglichst nahe zu kommen, sehen die Dänen das Phänomen auch als Spiegelbild der Gesellschaft insgesamt. Einklang und Harmonie sind ebenfalls wichtige Elemente dieses Zustand, genauso wie Dankbarkeit und ein starkes Wir-Gefühl.

 

Eine Mischung aus Bequemlichkeit, Wärme und Ruhe - der Trend Hygge aus Dänemark ist nicht nur ein Einrichtungstrend, es ist ein Lebensgefühl

 

Das Kreieren einer ruhigen Atmosphäre durch gedämpfte Beleuchtung und Kerzenschein, die mobile Technik abschalten und sich bei einer heißen Tasse Kaffee und einem leckeren Stück Kuchen entspannt zurücklehnen; keine kontroversen Themen diskutieren, sondern den Moment genießen. Von den Dänen kommt also der größte Megatrend: glücklich sein. Laut dem World Happiness Report der Vereinten Nationen ist Dänemark immerhin das glücklichste Land der Welt, davon sollten sich alle eine Scheibe abschneiden.

 

© Autorin: Jessica Schmucker

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