ALTERSGERECHT BAUEN UND WOHNEN - Jetzt schon an morgen denken

Foto: KVJS
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Wer einen Neubau, einen Umbau oder eine Modernisierung plant, tut dies in der Regel, um den Wohnkomfort zu erhöhen. Manche denken auch darüber nach, wie sie ihre vier Wände gleichzeitig altersgerecht gestalten können. Wohnberatungsstellen sowie Musterwohnungen für barrierefreies Wohnen bieten dafür Information und Inspiration. Wie praktisch: Ein Druck auf den richtigen Knopf der Fernbedienung genügt und leise surrend schließen bzw. öffnen sich die Rollländen. 

Wie elegant: Die Bodenfläche im Badezimmer verlängert sich ebenerdig in die Dusche hinein. Das wirkt nicht nur großzügig, sondern ist auch sicherer. Denn eine Duschwanne, die sturzträchtiges Ein- oder Aussteigen nötig macht, entfällt.

 

„Wir wünschen uns, dass ein vorausschauendes Planen und Bauen mit Blick auf das Alter selbstverständlicher wird“

 

Das ist doch nichts Neues, werden jetzt viele denken: „Elektrische Rollläden und bodengleiche Duschen gehören im Neubau längst zum Standard.“ Genau! Was Fachleute austüfteln, um Menschen im Alter oder mit Einschränkungen das Leben zu erleichtern, weiß häufig auch der Rest der Bevölkerung zu schätzen. So setzen sich viele gute Konzepte durch.

 

KÜNFTIGE LEBENSPHASEN MITDENKEN

Für Menschen, die bauen, umbauen oder modernisieren möchten, lohnt es sich daher zu schauen, welche neuen Ideen es im Bereich des altersgerechten Bauens und Wohnens gibt. Dabei können neben dem Komfort-Aspekt auch andere Gesichtspunkte wichtig sein: Wer sein Eigenheim möglichst lange bewohnen möchte, sollte zum Beispiel eruieren, wie er bereits heute so bauen oder umbauen kann, dass die Immobilie auch in späteren Lebensphasen und mit eventuellen körperlichen Einschränkungen noch passt.

 

VORAUSSCHAUEND PLANEN UND BAUEN LOHNT SICH

„Wir wünschen uns, dass ein vorausschauendes Planen und Bauen mit Blick auf die Bedürfnisse im Alter selbstverständlicher wird“, sagt Anja Schwarz von der Wohnberatungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Stuttgart. „Wir erleben jedoch, dass die meisten Menschen das Thema wegschieben. Dabei könnten sie sinnvoll ‚vorbauen’. Sollten sie dann später zum Beispiel aus der Reha mit einer Einschränkung nach Hause kommen, müssen sie nicht unter Zeitdruck größere Umbaumaßnahmen in Angriff nehmen.“ Ist eine Immobilie altersgerecht, bedeutet das zudem eine erhebliche Wertsteigerung. Nur ein bis zwei Prozent des Wohnungsbestands in Deutschland sind nach Angaben des Verbands der Privaten Bausparkassen e.V. barrierefrei oder barrierearm ausgebaut. Der Bedarf daran ist jedoch immens und überschreitet das Angebot bei weitem.

 

Wohnberater besuchen ratsuchende Menschen in deren eigenen vier Wänden, um Lösungen zu erarbeiten

 

Wohnberater kennen typische „Schwachstellen“ im Bestand Sicherlich, die Wohnbedürfnisse sind individuell unterschiedlich und keiner kann sagen, wie sie sich im Laufe eines Lebens noch verändern werden. Doch gebe es typische Stellen in Wohnungen, die sich immer wieder als „neuralgische Punkte“ erwiesen, sagt Anja Schwarz: „Häufig sind der Zugangsbereich zum Haus, die Treppenanlage sowie das Badezimmer für ältere Bewohnerinnen und Bewohner oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen nicht alltagstauglich.“ Diese Erfahrung machen die Fachleute der Wohnberatungsstelle immer wieder. Sie besuchen ratsuchende Menschen in deren eigenen vier Wänden, schauen sich die aktuelle Wohnsituation an und besprechen mögliche Veränderungen sowie deren Finanzierung.

 

AUF STUFEN UND SCHWELLEN VERZICHTEN

Schwarz regt daher an, Zugänge und Treppen beim Bau oder Umbau von vorne herein sicher sowie ausbaufähig zu gestalten. Der Hauszugang sollte schwellenfrei angelegt sein. Das gleiche gilt für Ausgänge auf Balkone und Terrassen. „Die Umsetzung ist allerdings eine Herausforderung für Architekten und ausführendes Handwerk“, gibt Anja Schwarz zu, „denn Schwellen sind durchaus sinnvoll. Sie verhindern beispielsweise, dass Regenwasser unter der Tür ins Haus eindringt.“

 

TREPPEN SICHER GESTALTEN

Stürze auf Treppen sind die häufigste Unfallursache im Haus. Besonders für ältere Menschen haben sie oft gravierende Folgen. Daher sollten Bauherren und Modernisierer diesem Bauteil besondere Aufmerksamkeit schenken: Experten raten zu Treppen, die gerade verlaufen und so breit sind, dass es bequem möglich ist, einen Treppenlift nachzurüsten. Möglichst durchgängige Handläufe an beiden Seiten tragen zur Sicherheit bei. Auch folgende Maßnahmen helfen, Treppenstürze zu verhindern: Eine sehr gute Beleuchtung, die von Bewegungsmeldern gesteuert wird, und Stufen, deren Trittfläche nicht übersteht, sondern bündig mit der Setzstufe (Tritthöhe) abschließt.

 

BEIM BADUMBAU AN MORGEN DENKEN

„Wenn die Kinder aus dem Haus gehen, gestalten viele Paare ihr Haus oder ihre Wohnung noch einmal um“, sagt Udo Weimar, Professor für Physikalische und Analytische Chemie an der Universität Tübingen und Initiator des dortigen LebensPhasenHauses (s. Kasten). Er rät, dabei an die Zukunft zu denken und sich beim Badumbau für eine bodengleiche Dusche zu entscheiden. Deckenschienen über der Badewanne machen es möglich, im Bedarfsfall einfach einen Wannenlifter nachzurüsten. Eine stabile Unterkonstruktion (Traversenflächen) in Rigipswänden sorgen dafür, dass Haltegriffe neben Toilette und Waschtisch angebracht werden können. Außerdem wichtig für Bad und WC: Türen sollte nach außen aufgehen oder als Schiebetüren konzipiert sein. Auch die Türverriegelung sollte im Notfall von der Außenseite her bedienbar sein.

 

AUSSTATTUNG: PFIFFIGE DETAILS ERHÖHEN KOMFORT

Wenn es um die Ausstattung der eigenen vier Wände geht, machen Innovationen für Menschen mit Einschränkungen vor, was Komfort heißen kann: Zum Beispiel gibt es inzwischen einen Gardinenlift, der beim Auf- und Abhängen der Vorhänge den Einsatz einer Leiter überflüssig macht. Absenkbare Arbeitsplatten für die Küche stellen sicher, dass alle Familienmitglieder dort gleichermaßen gut arbeiten können. Viele Inspirationen dieser Art erhalten Interessierte in der Musterwohnung der Werkstatt Wohnen des Kommunalverbands Bildung und Soziales (KVJS) in Stuttgart, im LebensPhasenHaus in Tübingen oder der Ambient-Assisted- Living-Wohnung der GSW in Waiblingen.

 

WERKSTATT WOHNEN IN STUTTGART

Barbara Steiner-Karatas leitet die Werkstatt Wohnen. Diese Musterwohnung des KVJS zeigt, was barrierefreies bzw. -armes Wohnen bedeutet. „Unser Fokus liegt auf den Themen Umbau und Modernisierung: Bei uns sehen sie bauliche Lösungen sowie Ausstattung zum Nachrüsten – mit dem Ziel, das Leben einfacher, komfortabler und sicherer zu machen. Vieles davon fällt den Besuchern unserer Musterwohnung zunächst gar nicht auf. Deshalb ist immer ein Berater vor Ort, der unsere Gäste herumführt und auf die Besonderheiten aufmerksam macht.“

 

WICHTIG: ERST AUSPROBIEREN, DANN KAUFEN

Auf diese Weise erfahren die Besucher zum Beispiel, was es mit den Funk-Fernbedienungen auf dem Nachttisch auf sich hat. „Damit können Bewohner die Heizung, das Fenster und den Rollladen ganz einfach vom Sessel oder Bett aus bedienen", erklärt Steiner-Karatas. Auch das Innenleben des Kleiderschranks hat es in sich: Wie beim Kühlschrank geht drinnen das Licht an, sobald jemand die Tür öffnet. Die Kleiderstange lässt sich absenken und Regalböden ausziehen. Steiner- Karatas findet es wichtig, dass die Menschen solche Dinge sehen und ausprobieren, bevor sie sie anschaffen. „Manches, was zunächst überzeugend klingt, ist im Alltag nämlich gar nicht so praktisch oder passt nicht zum individuellen Bedarf “, sagt sie. „Wir haben daher auch Negativbeispiele installiert. Das finden unsere Besucher ebenfalls sehr interessant.“

 

LEBENSPHASENHAUS IN TÜBINGEN

„Selbst bei Profis gibt es Aha-Momente, wenn sie unser LebensPhasenHaus besuchen“, berichtet Udo Weimar. „Es gibt so viele praktische Alltagshelfer, aber die wenigsten kennen alle Möglichkeiten.“ Im LebensPhasenHaus können Interessierte sie besichtigen: Von der Pillenbox, die automatisch an die Einnahme erinnert, bis zum Pflegebett, das beim Aufstehen hilft.

 

Aber auch in baulicher Hinsicht können Besucher Impulse mitnehmen: So lässt sich ein Gebäude mit sogenannten „FlyingSpaces“, einem fertigen Wohnkubus, um einen Raum erweitern – interessant zum Beispiel für Menschen, die eine Pflegekraft unterbringen möchten. „Mit unserem Haus zeigen wir auch, was kommunikationstechnisch im Sinne eines smart Home möglich ist “, erläutert Weimar. „Sensorik kann heute mehr als zu melden, wenn die Waschmaschine fertig ist. Sie übernimmt zum Beispiel die Lebenszeichenkontrolle und sendet einen Notruf an eine Zentrale, wenn jemand seine Küche mehr als einen Tag lang nicht betreten hat. Im Brandfall setzt ein solches System einen Notruf ab, schaltet das Licht an und öffnet Flucht- bzw. Rettungswege.“

 

DIGITALE TECHNIK ERÖFFNET NEUE MÖGLICHKEITEN

Diese Haustechnik werde sich rasant weiter entwickeln, ist sich Weimar sicher: „Viele Vorgänge im Haus lassen sich inzwischen aus der Ferne überwachen und steuern. Objektschutz und Pflegedienstleistungen wachsen dadurch zusammen. Es eröffnen sich neue Chancen. Die Risiken, die eine ‚Überwachung’ im privaten Raum birgt, gilt es allerdings ebenfalls zu diskutieren.“ Nicht nur aus diesem Grund ist das LebensPhasenHaus ein interdisziplinäres Projekt, für das sich die Uni, das Uni-Klinikum, die Stadtwerke, die Industrie- und Handelskammer, der Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Baden-Württemberg e.V. sowie diverse Unternehmen zusammengeschlossen haben..

 

© Autor: Eike Ostendorf-Servissoglou

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