Verschenken oder Vererben - eine Frage des Vermögens

Foto: contrastwerkstatt - fotolia.com
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Die eigenen vier Wände sind für viele Menschen ein Lebenstraum, den sie am liebsten über Generationen hinweg erhalten wollen. Auch die Kinder und Enkelkinder sollen sich eines Tages darüber freuen können – und zwar möglichst ohne Wermutstropfen in Form überbordender Steueransprüche. Denn: Wann immer Immobilien den Eigentümer wechseln, kann der Staat kräftig zur Kasse bitten.

Hinlänglich bekannt und einfach berechenbar ist die Grunderwerbsteuer, die immer dann anfällt, wenn Häuser oder Wohnungen verkauft werden. Fünf Prozent des Verkaufspreises werden in Baden-Württemberg derzeit fällig, was angesichts stetig steigender Immobilienpreise in der Region Stuttgart viel Geld bedeutet. So beläuft sich der staatliche Anteil bei einem durchschnittlichen Verkehrswert von 400.000 Euro für eine Eigentumswohnung momentan immerhin auf stattliche 20.000 Euro an Grunderwerbsteuer.

 

Ein Patentrezept für die Immobilienübertragung gibt es nicht

 

Wesentlich komplizierter wird es indessen, wenn eine Immobilie nicht verkauft, sondern auf anderem Weg weitergegeben werden soll - wofür zwei Varianten in Frage kommen: Verschenken oder Vererben. Grundsätzlich gilt, dass auch dabei Steuern fällig werden, die allerdings je nach Szenario höher oder geringer ausfallen oder aber auch ganz entfallen können. Einen Königsweg oder eine Art Ideal-Strategie, die für alle gilt, gibt es dabei nicht. Welche Variante günstiger ist, um ein Haus oder eine Wohnung an den Partner, die Kinder oder Enkel zu übertragen, hängt vielmehr immer vom jeweiligen Einzelfall und davon ab, inwieweit die möglichen Freibeträge klug genutzt werden.

 

Um wie viel Geld es bei der so genannten Immobilienübertragung insbesondere auch für den Staat geht, zeigt eine aktuelle Prognose des Deutschen Forums für Erbrecht, einem gemeinnützigen Verein, dessen Mitglieder fast ausschließlich Fachanwälte für Erbrecht sowie Anwälte und Notare sind, die über umfassende Erfahrungen als Berater auf dem Gebiet des Erbrechts und des Erbschaftsteuerrechts verfügen. Demnach werden bis zum Jahr 2020 bundesweit Immobilien im Wert von einer Billion Euro vererbt. Und nach einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge hat jeder Deutsche statistisch gesehen eine Chance von 65 Prozent darauf, dass er langfristig eine Wohnung oder ein Haus erben wird.

 

Bei großen Vermögen ist eine erb- und steuerrechtliche Beratung unerlässlich

 

Doch auf welchem Weg und mit welchen Folgen? „Wenn es nur um die Verteilung eines Vermögens geht, kann das ein Testament regeln“, sagt Jan Bittler, Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Erbrecht und Vermögensnachfolge (DVEV). Wer allerdings die steuerlichen Vorteile voll ausnutzen will, der sollte sich unbedingt rechtzeitig beraten lassen, so der Tipp des Fachanwalts. Denn in vielen Fällen sei eine Schenkung sinnvoller als die Möglichkeit des Vererbens. Sprich: Wer seinen Besitz noch zu Lebzeiten überträgt, kann bares Geld sparen, insbesondere bei größerem Vermögen.

 

Entscheidend für die Berechnung der jeweiligen Steuerlast ist zunächst der Verwandtschaftsgrad, von dem die Höhe des Steuersatzes abhängt. Ehegatten, Lebenspartner und Kinder werden dabei in der Steuerklasse I geführt. Geschwister, Nichten und Neffen, Schwiegereltern oder auch geschiedene Ehepartner gehören der Steuerklasse II an. „Grundsätzlich gilt: Je enger der Verwandtschaftsgrad, desto niedriger der Steuersatz“, so Isabel Klocke vom Bund der Steuerzahler. „Ehegatten oder eingetragene Lebenspartner können 500.000 Euro steuerfrei erben“, erklärt die Justiziarin und Leiterin der Abteilung Steuerrecht und Steuerpolitik.

 

Schenken ist oftmals vorteilhafter als vererben

 

Geht es um ein klassisches Familienheim, gilt in Expertenkreisen in aller Regel die Formel: Schenken ist günstiger als vererben. Denn: Wenn beispielsweise ein Ehepartner dem anderen das Eigenheim schenkt, verlangt das Finanzamt dafür keine Steuern – und das unabhängig von der Frage, wie wertvoll das Haus ist. Gleichzeitig hat eine vorzeitige Schenkung in solch einem Szenario noch einen weiteren Vorteil: Die Immobilie kann sofort steuerfrei verkauft werden. Im Erbfall muss der Ehepartner dagegen noch für zehn Jahre im Haus oder in der Wohnung leben, bevor ein erbschaftssteuerfreier Verkauf möglich ist.

 

Setzt man in diesem Beispiel konkrete Zahlen ein, wird sichtbar, um welche Summen es dabei geht. Schenkt ein Mann seiner Frau zu Lebzeiten ein Eigenheim mit einem geschätzten Verkehrswert von 800.000 Euro, fallen dafür zunächst keinerlei Steuern an. Erbt die Frau dagegen das Haus, muss sie mindestens zehn weitere Jahre darin wohnen, ansonsten entfallen darauf elf Prozent Erbschaftssteuer. Bei einem Verkehrswert von 800.000 Euro und einem Freibetrag für Ehepartner oder eingetragene Lebenspartner von 500.000 Euro beläuft sich der zu versteuernde Anteil dabei auf 300.000 Euro, woraus sich eine Steuerschuld von 33.000 Euro berechnet.

 

Freibeträge können bei einer Schenkung alle zehn Jahre neu ausgeschöpft werden

 

Die steuerlichen Unterschiede zwischen einer Erbschaft und einer Schenkung sind aufgrund der großzügigen Freibeträge zwar vielfach marginal. Ein entscheidender Aspekt aber ist: Bei einer Schenkung können die Freibeträge alle zehn Jahre neu ausgeschöpft werden. Diese Möglichkeit ist vor allem im Falle von sehr teuren Immobilien interessant, da das Eigenheim so Stück für Stück komplett steuerfrei übertragen werden kann. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass zwischen den jeweiligen Schenkungen mindestens zehn Jahre liegen müssen.

 

Der Verwandtschaftsgrad ist maßgeblich für die Höhe des Freibetrages

 

So oder so: Das Maß der Dinge sind ohnehin die Freibeträge, die je nach Verwandtschaftsgrad unterschiedlich hoch ausfallen - sowohl fürs Erbe als auch für Schenkungen. Wer für ein geerbtes Haus Erbschaftssteuer bezahlen muss, hat grundsätzlich die Pflicht, sich innerhalb von drei Monaten beim Finanzamt zu melden. Aber auch im Falle einer Schenkung müssen sowohl der Schenker als auch der Beschenkte das Finanzamt informieren. Diese Pflicht entfällt allerdings dann, wenn das Erbe oder die Schenkung innerhalb der jeweiligen Freibeträge liegt. In diesem Fall geht das Finanzamt leer aus.

 

Für Ehegatten oder eingetragene Lebenspartner gilt derzeit ein Freibetrag von 500.000 Euro, den sie steuerfrei erben können. Bei Kindern, Stiefkindern oder auch Adoptivkindern beträgt der Freibetrag pro Kind 400.000 Euro, bei Enkeln und Stiefenkeln immerhin noch bei 200.000 Euro. Geschwister, Nichten und Neffen, Schwiegerkinder und -eltern, Stiefeltern oder geschiedene Ehepartner können dagegen lediglich bis zu 20 000 Euro steuerfrei erben. Zudem gibt es noch einzelne Versorgungsfreibeträge etwa für überlebende Ehegatten beziehungsweise Lebenspartner oder für minderjährige Kinder. Je enger der Verwandtschaftsgrad, desto höher die Freibeträge – und desto niedriger der Steuersatz. Wird das Haus an Ehepartner, Kinder oder Enkel vererbt, fällt daher in der Regel meist überhaupt keine Steuer an oder ein nur vergleichsweise geringer Anteil. Der Steuersatz in dieser günstigsten Steuerklasse I liegt zwischen sieben und 30 Prozent, abhängig vom ererbten Vermögen. Die niedrigste Stufe von sieben Prozent gilt dabei bis zu einem Wert von 75.000 Euro über dem Freibetrag. Der Höchstsatz von 30 Prozent wird in dieser Klasse erst bei einem Wert des Erbes erhoben, der oberhalb der Grenze von 26 Millionen Euro liegt.

 

Paare ohne Trauschein werden im Erbrecht steuerlich wie Fremde behandelt Wesentlich geringer fällt das Einsparpotential in Steuerklasse II aus, in der beispielsweise Geschwister oder Nichten und Neffen rangieren. Sie müssen bei einem Freibetrag von lediglich 20.000 Euro zwischen 15 und 43 Prozent Erbschaftssteuer bezahlen. Was heißt: Bekommen sie eine Wohnung oder ein Haus vererbt, kommt schnell ein hoher Steuerbetrag zusammen, der die Erben finanziell überfordern kann, wenn es an entsprechenden Rücklagen fehlt. Wichtig zu wissen ist auch: Paare ohne Trauschein werden im Erbrecht steuerlich wie Fremde behandelt. Auch sie können daher lediglich 20.000 Euro steuerfrei erben.

 

„Wer ein größeres Vermögen hat, sollte über eine Schenkung nachdenken“, rät daher auch Sophie Mecchia von der Stiftung Warentest. Zwar würden für den Beschenkten grundsätzlich die gleichen Freibeträge und Steuersätze wie für den Erben gelten. Im Einzelfall könnten sich im Falle einer Schenkung aber einige Vorteile ergeben. Ganz oben rangiert auch bei der Finanzexpertin die Möglichkeit, dass der Beschenkte seinen Freibetrag mehrfach ausnutzen kann, wie sie betont. Ist ein größeres Vermögen vorhanden, kann dieses sozusagen in Raten steuerfrei übertragen werden. Ein weiterer Vorteil einer Schenkung liegt im größeren Handlungsspielraum im Falle eines geplanten Verkaufs. Wer ein geerbtes Haus beispielsweise nach dem Tod der Eltern verkaufen will, muss auf die Testamentseröffnung warten, was teilweise Monate dauern kann. „Bei einer Schenkung kann der Beschenkte die Immobilie sofort weiterverkaufen und umgeht damit viel Bürokratie“, so Sophie Mecchia.

 

Doch nicht nur eine mögliche Steuerersparnis, auch das Thema Sicherheit sollte bei der Frage „verschenken oder vererben“ eine Rolle spielen. Denn: geschenkt ist geschenkt. Wer seine Immobilie zu Lebzeiten überträgt, der gibt mit der Eintragung des Beschenkten im Grundbuch endgültig seinen Eigentum ab. Auch eine Beleihung ist dann beispielsweise nicht mehr möglich. Experten raten daher dazu, die eigene Immobilie nur dann zu Lebzeiten zu übertragen, wenn die Familien- und Vermögensverhältnisse stabil und gefestigt sind. Sprich: Die Familie sollte nicht heillos zerstritten sein. Gleichzeitig sollte das Haus den Eigentümern nicht als Altersvorsorge dienen und zudem auch abbezahlt sein. Ansonsten mache eine Schenkung keinen Sinn, so Sophie Mecchia.

 

Auflagen wie ein Nießbrauch- oder Wohnrecht sichern den Schenker ab

 

Allerdings gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich auch im Falle einer Schenkung rechtlich abzusichern. Will der Schenker sein Eigenheim beispielsweise bis zum Lebensende bewohnen oder von den Mieteinnahmen profitieren, kann er das festschreiben, indem er sich ein Nießbrauchrecht oder ein Wohnrecht vorbehält. Diese Rechte werden ins Grundbuch eingetragen. Was sinnvoller ist, hängt von jeweiligen Einzelfall ab. Ein Wohnrecht kann unter bestimmten Voraussetzungen von Vorteil sein, da Gläubiger des Schenkers darauf im Gegensatz zum Nießbrauchsrecht grundsätzlich nicht zugreifen können. Mit einem verbrieften Nießbrauchrecht sind aber grundsätzlich mehr Möglichkeiten verbunden. So kann der Schenker die Immobilie nicht nur zu Lebzeiten bewohnen, sondern sie auch vermieten oder gewerblich nutzen.

 

Gleichzeitig empfiehlt es sich auch, in solchen Fällen einen so genannten Übergabevertrag aufsetzen. Dieser regelt beispielsweise, wer die Kosten für Reparaturen oder eine Instandhaltung übernehmen muss. Zudem kann darin beispielsweise auch festgeschrieben werden, dass die Wohnung oder das Haus wieder an den Schenker zurückfällt, wenn der Beschenkte Insolvenz anmelden muss oder gar stirbt. Um sich für den Notfall abzusichern, sollten Hauseigentümer zudem eine notariell beglaubigte Vorsorgevollmacht abschließen. „Der Bevollmächtigte darf dann das Haus schon zu Lebzeiten verkaufen, wenn der ursprüngliche Eigentümer sich nicht mehr äußern kann, aber das Geld beispielsweise für die Pflege gebraucht wird“, erklärt DVEV-Geschäftsführer Jan Bittler. Ansonsten könne der Verkauf nur über ein Betreuungsgericht abwickelt werden, was sich über viele Monate hinziehen könne.

 

Eine rechtzeitige Regelung spart meistens viel Geld und führt zu Planungssicherheit innerhalb der Familie

 

Das Haus zu Lebzeiten innerhalb der Familie verschenken, um Steuern zu sparen und Freibeträge optimal zu nutzen? Oder das Eigenheim doch lieber vererben, um auf der sicheren Seite zu sein und sich einen größeren Handlungsspielraum zu sichern? In beiden Fällen gibt es viele Faktoren, die berücksichtigt werden müssen. Beide Varianten sind mit Vor- und Nachteilen verbunden. Welcher Weg letztlich der günstigere und richtige ist, hängt immer vom Einzelfall ab – und von den Prioritäten, die jeder für sich selbst setzen muss. Fest steht, dass es im Zweifelsfall um viel Geld gehen kann, weshalb die Experten vor allem eines raten: Sich rechtzeitig ausreichend darüber Gedanken zu machen, wie der Lebenstraum vom Eigenheim am besten über Generationen erhalten werden kann.

 

Autor: Markus Heffner

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