Was der Brexit für die Region Stuttgart bedeutet

Bildquelle: fotolia, Urheber: jovannig
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Der 23. Juni 2016 ist ein Tag, den die Finanzexperten dieser Welt nicht so schnell vergessen werden. An jenem Donnerstag haben sich die Briten beim so genannten EU-Mitgliedschaftsreferendum mit knapper Mehrheit dafür ausgesprochen, aus der Europäischen Union auszutreten. 51,9 Prozent der Wahlgänger machten ihr Kreuz bei „Leave the European Union“, was zunächst an den Börsenplätzen ein wahres Kursbeben auslöste. Der EuroStoxx50 stürzte um 8,6 Prozent ab, der Pariser Cac40 gab um acht Prozent nach und der Dax immerhin noch um satte sieben Prozent. All das waren kurzfristige Reaktionen. Welche langfristigen Folgen der Brexit nun für die europäische Wirtschaft und damit auch die Finanz- und Immobilienmärkte in Deutschland haben wird, daran scheiden sich seither die Geister. „Es ist viel geschrieben, prophezeit und spekuliert worden“, betont Marco Terracciano. „Aber längst nicht alle diese Prognosen sind fundiert und richtig.“

Der studierte Ökonom und Master-Absolvent ist ein ausgewiesener Finanzexperte und als solcher bundesweit ein gefragter Redner auf Fachveranstaltungen, Kongressen und Messen. Mit 18 Jahren hat der gebürtige Memminger sein erstes Finanzdienstleistungsunternehmen gegründet. Zwischenzeitlich ist er 33 und Vorstandsvorsitzender der Eventus eG, einer ebenfalls von ihm gegründeten klassischen Wohnungsgenossenschaft mit Sitz in Stuttgart. Gleichzeitig verantwortet er als Mitgeschäftsführer und Inhaber der Best Finance Immobilien GmbH noch die Geschicke eines Immobilienunternehmens, das in der gesamten Region und teilweise darüber hinaus tätig ist. Schon deshalb beschäftigt sich auch Terracciano seit jenem Tag intensiv mit dem Brexit und seinen möglichen Folgen, die nicht zwingend negativer Art sein müssen, wie er betont. „Seit dem Votum der Briten sind die Immobilienaktien im Gegensatz zu den Werten im Dax gestiegen“, sagt er.

 

Die Gründe dafür sind vielfältig und haben unter anderem mit den vielen Bankern und Finanzprofis zu tun, die bisher in London als dem größten und wichtigsten europäischen Finanzzentrum ihren Arbeitsplatz haben. Mit rund 144.000 Bankangestellten stellt die britische Metropole auch den international bedeutenden Finanzplatz Frankfurt mit knapp 62.000 Beschäftigten deutlich in den Schatten. Rechnet man die Dienstleister der Branche dazu, dann arbeiten in London derzeit sogar rund 400.000 Menschen im Finanzgewerbe. Bis zu 20 Prozent dieser Arbeitsplätze stehen laut einer Umfrage der Boston Consulting Group (BCG) unter Bankern nach dem Brexit nun zur Disposition, wovon die deutschen Märkte profitieren werden, wie Terracciano glaubt. Schon wenige Tage nach dem Votum waren in der Mainmetropole drei Anfragen von Londoner Finanzunternehmen eingegangen, die über einen Umzug nach Deutschland nachdenken. „Frankfurt wird vermutlich einer der großen Gewinner sein“, glaubt der Finanzexperte. Aber auch die Landeshauptstadt Stuttgart mit ihrer Börse, die vor allem im Bereich des Derivatehandels einer der bedeutendsten Plätze in Europa ist und allein am Folgetag seinen Umsatz über alle Anlageklassen mehr als verdoppelt hat, könne von der Entwicklung profitieren, so Terracciano.

 

Denn es sind nicht nur die hoch bezahlten Londoner Banker, die im Falle eines Umzugs mit ihren Familien nach Frankfurt, München oder in die Region Stuttgart kommen und hier nach passenden Immobilien suchen. Um sie herum gibt es noch eine ganze Reihe an IT-Fachleuten, Beratern, spezialisierten Anwaltskanzleien und auch Aufsichtsbehörden der Europäischen Zentralbank (EZB), die dann mit an einen neuen Standort wechseln werden, der dadurch enorm an Bedeutung gewinnen würde. Das mögliche Zuwachspotential ist dabei enorm: Wenn nur zwei Prozent der Londoner Banker nach Deutschland kommen, so das Ergebnis einer Studie des Immobilienberaters Jones Lang Lasalle, würde die Zahl an Bankangestellten hier im Vergleich um elf Prozent steigen. Damit verbunden seien natürlich auch steigende Steuereinnahmen und eine Stärkung der geballten Wirtschaftskraft, betont Marco Terracciano.

 

Etwa die Hälfte der Institute in der britischen Hauptstadt wollen in den nächsten Monaten entscheiden, ob sie ihre Geschäftsbereiche verlagern werden. Mit dieser Aussage wird jedenfalls Oliver Wagner zitiert, der Geschäftsführer des Verbands der Auslandsbanken. Die gesamte Branche würde darauf warten, dass der erste große Player London verlässt, was nach Meinung ausnahmslos aller Experten eine riesige Sogwirkung entfalten würde. Erwartet wird außerdem, dass die EZB die Abrechnung von Euro-Geschäften aus London abziehen wird. Auch in diesem Fall würde die britische Finanzmetropole in der Folge wohl einen wichtigen Teil des bisherigen Bankinggeschäfts an einen anderen Standort verlieren.

 

Unter den Gewinnern sieht Marco Terracciano dann auch all jene, die entsprechende Immobilienaktien im Portfolio haben. „Diese Papiere werden stabil bleiben und tendenziell zulegen“, glaubt er. Der Grund dafür ist insbesondere auch in der dann steigenden Nachfrage nach Immobilien zu sehen, auf einem ohnehin schon leicht überhitzten Markt, so der Eventus-Vorstandsvorsitzende, dessen Unternehmen bundesweit zu den führenden Wohnungsgenossenschaften im Bereich der investierenden Mitgliedschaften und der Vermögensmehrung zählt. Trotz der teilweise hohen Grundstückspreise, die teilweise noch zulegen werden, würde man sich aber überwiegend noch in einem gesunden Umfeld bewegen, so Terracciano. Als Indiz dafür sieht der Finanzexperte den Realzins, der in den vergangenen 33 Jahren lediglich um 1,7 Prozent gestiegen sei. Mitte der 70er Jahre hätten die Darlehenszinsen noch bei zehn, elf Prozent gelegen. Dafür sei der Kaufpreis um die Hälfte günstiger als heute gewesen. Jetzt habe man hohe Preise bei niedrigen Zinsen und einer Inflation von knapp über Null Prozent. „Kurzfristig werden wir keine Immobilienblase bekommen“, glaubt Terracciano.

 

Der Ökonom empfiehlt daher, das Geld nicht einfach auf dem Sparbuch liegen zu lassen,sondern es je nach persönlicher Situation in verschiedene Anlagen zu verteilen, es zu diversifizieren, wie er sagt. Der Aktienmarkt sei dabei nach wie vor eine gute Gelegenheit, kombiniert beispielsweise mit Genossenschaftsanteilen, fest verzinslichen Wertpapieren und Immobilien. Erst jüngst hat Terracciano, der unter anderem auf Einladung der Bundesfachkommission Arbeitsmarkt und Alterssicherung oder des Deutschen Wirtschaftsrats Vorträge hält, bei einer Veranstaltung in die Runde gefragt, wer denn wisse, dass die Banken zwischenzeitlich reihenweise negative Zinsen eingeführt hätten. Die Hände im Publikum seien alle unten geblieben, erzählt er. Aber Kontoführungsgebühren und Depotgebühren anzuheben, was gerade vielfach praktiziert würde, sei nichts anderes als ein versteckter „Negativ-Zins-Prozess“, betont Terracciano. Die Sparkasse habe wenigstens den Mut gehabt, das Kind beim Namen zu nennen. Die meisten Banken hätten den Begriff negative Zinsen aber aus ihrem Wortschaft gestrichen, obwohl die Kunden genau damit konfrontiert seien.

 

Wohin der Brexit die europäischen Finanzmärkte nun tatsächlich führen wird und welche Auswirkungen damit für den Einzelnen verbunden sind, könne man derzeit noch nicht konkret absehen, betont der Ökonom. Die nächsten zwei Jahre, so glaubt er, werde sich vermutlich noch nicht allzu viel tun. Zunächst müsste die finanzielle Vernetzung der EU mit Großbritannien entflochten werden, ein langwieriger und komplizierter Prozess mit vielen Beteiligten. Bis zum tatsächlichen Austritt der Briten werde es daher wohl noch einige Zeit dauern. Ohnehin glaubt Marco Terracciano, dass sich nach der anfänglichen Panikmache die Situation womöglich zusehends beruhigen werde. Zwei Tage nach dem Brexit sei beispielsweise überall zu lesen gewesen, dass Länder wie Italien, Frankreich oder die Niederlande die nächsten Austrittskandidaten seien. Zwischenzeitlich sei davon aber keine Rede mehr. „Viele sind inzwischen aufgewacht und hinterfragen wesentlich stärker als vorher, was mit einem solchen Austritt aus der Europäischen Gemeinschaften und dem gemeinsamen Markt alles verbunden sein könnte“, sagt er. So hätten über 70 Prozent der britischen Internetnutzer am frühen Freitagmorgen nach dem Referendum gegoogelt, was ein EU-Austritt für Großbritannien bedeutet. Reichlich spät, wie Marco Terracciano findet.

 

Für die deutsche Wirtschaft könnte das womöglich unüberlegte Votum derweil durchaus gravierende Folgen haben, was vielen Firmenchefs seit einigen Wochen ziemliches Kopfzerbrechen bereitet. Nach Einschätzung von Clemens Fuest könnte Deutschland sogar der größte Verlierer des Brexit sein, abgesehen von Großbritannien selbst, so der Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, das die Auswirkungen eines EU-Austritts Großbritanniens vor dem Referendum schon einmal durchgerechnet hatte. Demnach könnte der Brexit die Bundesrepublik langfristig bis zu drei Prozent der Wirtschaftsleistung kosten. Der Grund dafür sind vor allem die engen Wirtschaftsbeziehungen: Großbritannien ist für Deutschland der drittwichtigste Handelspartner. So verkaufen deutsche Firmen jedes Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von 120 Milliarden Euro auf die Insel, Tendenz zumindest bisher steigend. Nun ist zu befürchten, das der Handel schwieriger und teurer wird, weil beispielsweise wieder Zölle anfallen, die Bürokratie zunimmt und die Lastwagen wieder länger an der Grenze stehen. All das macht den Transport und damit die Waren teurer. Dazu kommt, dass der Austritt der EU auch die britische Wirtschaft selber kräftig schwächen dürfte. Allein bis 2020, so die Prognosen des britischen Industrieverbands, könnten 950 000 Jobs in Großbritannien verloren gehen. Auch das hätte zur Folge, dass Deutschland künftiger weniger exportieren wird.

 

Besonders stark betroffen von Szenarien dieser Art ist allen voran die deutsche Automobilbranche mit ihren international agierenden Unternehmen, von denen es in der Region Stuttgart mit Daimler und Porsche gleich zwei gibt. „Für die Automobilindustrie ist das Vereinigte Königreich der größte Exportmarkt“, betont Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie. Jedes fünfte Auto, das deutsche Hersteller ins Ausland verkaufen, geht derzeit nach Großbritannien. Wenn deutsche Autos nun zum Beispiel umfangreichere Zulassungsverfahren durchlaufen müssen, um auf der Insel verkauft werden zu können, koste das viel Zeit und Geld, warnt Wissmann. Ein Szenario, auf das auch Marco Terracciano bei seinen Vorträgen immer wieder eindringlich hingewiesen hat. „Wenn deutsche Autos auf der Insel künftig um 20 Prozent teurer sind, wird sich jeder Brite gut überlegen, ob er es noch kaufen wird“, sagt er.

 

Bisher hat der EU-Austritt Großbritanniens dem deutschen Wirtschaftswachstum indessen noch nicht geschadet, zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Demnach hat sich die Stimmung in der Industrie nur geringfügig eingetrübt. Hohe Beschäftigung, steigende Löhne und eine geringe Preissteigerung würden den privaten Konsum stützen, so das Institut. Das Bruttoinlandsprodukt werde im zweiten und dritten Quartal jeweils um 0,3 Prozent zulegen. Allerdings, so die Prognose, dürften sich deutsche Unternehmer wegen der unklaren Absatzperspektiven auf dem britischen Markt mit Investitionen wohl stärker zurückhalten. Für die nahe Zukunft sieht die Vorhersage derweil einiges düsterer aus. Die Entscheidung der britischen Bevölkerung für den EU-Ausstieg werde wohl vor allem im nächsten Jahr auf das deutsche Wachstum durchschlagen, so das renommierte Institut. Grund zur Panik sieht Marco Terracciano deshalb aber keinesfalls, wie er betont. „Unser Immobilienmarkt und seine Aktien werden auf absehbare Zeit stabil bleiben“, betont der Finanzexperte. „Wer jetzt in die richtigen Anlagen investiert, wird auch im nächsten Jahr gut dastehen.“

 

Autor: Markus Heffner, smartLiving-Magazin

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