„Provisionen gehören verboten“

Foto: Fotolia.com
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Ist eine Immobile eine gute Altersvorsorge? Oder ist es doch besser, sein Geld in Sparbriefen oder Aktien anzulegen? Ein Gespräch mit Niels Nauhauser, dem Finanzexperten der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, über niedrige Zinsen, hohe Erwartungen und mittelmäßige Beratungen.

smartLiving: Herr Nauhauser, die Spezies des fleißigen Sparers soll ja besonders häufig im Schwabenland vorkommen. Allerdings ist kaum noch etwas zu holen in Zeiten chronisch niedriger Zinsen, die wohl noch lange anhalten werden. Wohin also mit dem Geld, auf dass es sich vermehrt?

Niels Nauhauser: Da gibt es schon noch Möglichkeiten, ganz aussichtslos ist die Lage nun wirklich nicht. Was im Einzelfall passt, kommt ganz auf die persönliche Situation und das individuelle Ziel an, das man mit einer Geldanlage erreichen will. Klar ist: Wenn Verbraucher für ihr Alter vorsorgen wollen, dann kommen sie nicht umhin, Ersparnisse zu bilden.

 

sL-M.: Also anders gefragt: Was kann man heute mit seinem Geld machen, damit man morgen ausgesorgt hat?

Niels Nauhauser: Jede Form des Vermögensaufbaus kommt auch zur Altersvorsorge in Frage. Am wichtigsten dabei ist es, das Risiko möglichst breit zu streuen, nicht nur in Zinspapiere, sondern auch in Aktien oder Immobilien, und dabei die Kosten der ausgewählten Produkte möglichst gering zu halten. Ein Beispiel: Bei Aktienindexfonds kann man mit 50 Euro monatlich in über Tausend verschiedene Unternehmen weltweit investieren. Das Risiko von Wertschwankungen zahlt sich aus, die Renditen lagen hier weit über denen von Zinspapieren. Wenn die Zinsen niedrig sind, sinken auch die möglichen Erträge bei Aktien. Umso wichtiger ist daher, bei den Finanzprodukten

und den Kosten genau hinzuschauen.

 

sL-M.: Was alles andere als einfach ist im Dschungel der Finanzprodukte. Und wer seinem Anlageberater vertraut, ist ohnehin verloren. Oder?

Niels Nauhauser: Wir fordern angesichts der nicht endenden Probleme seit Jahren ein neues Regelwerk für Finanzberater und eine Trennung vom Provisionsverkauf. Verbraucher müssen sich darauf verlassen können, dass auch eine bedarfsgerechte Beratung drin ist da, wo Beratung draufsteht, und keine Provisionsschneiderei. Bislang hat sich der Gesetzgeber geweigert, angemessene Regelungen für Qualitätsstandards in der Finanzberatung zu schaffen. Das Geschäftsmodell für Finanzberatung basiert darauf, gegen Provisionen oder Margen Produkte zu verkaufen. Eine Beratung zahlt sich also nur aus, wenn am Ende etwas verkauft wird. Dadurch ist eine Fehlberatung programmiert, weil der Berater ein Verkäufer ist und seinerseits möglichst viel Geld verdienen will.

 

sL-M.: Können Sie eine Bank empfehlen, deren Beratung besonders gut ist?

Niels Nauhauser: Leider nein.

 

sL-M.: Das macht einem nicht gerade Hoffnung.

Niels Nauhauser: Das sind leider die täglichen Probleme, die wir aus unserer Beratung kennen. Nach unserer Einschätzung führt nur ein Weg aus dieser Misere: Finanzberatung gegen Provisionen gehört verboten. Ein Arzt verdient sein Geld auch nicht, indem er Medikamente verkauft. Die Beratung muss von den Produkten völlig entkoppelt und so geregelt sein, dass die Menschen sich auf die Qualität der Dienstleistung verlassen

können und ein klares Preisschild erhalten.

 

sL-M.: Verständlicherweise sind die Versprechungen von hohen Zinsen ja verlockend in Zeiten, in denen man teilweise beim Tagesgeld oder mit Sparbriefen bei kaum mehr als 0,1 Prozent Zinsen aufgrund der Inflationsrate ja sogar real Geld verloren hat. Wo stehen wir aktuell?

Niels Nauhauser: Wer sich beispielsweise über Vergleichsrechner im Internet informiert, kann noch Zinsen von bis zu einem Prozent erreichen. Wer um die zwei Prozent haben will, muss sein Geld mindestens für zehn Jahre fest anlegen, beispielsweise in Sparbriefen. Damit ist das Ende der Fahnenstange aber auch schon erreicht. Wem eine höhere Rendite mit hoher Sicherheit versprochen wird, der sollte besser ganz genau hinschauen.

 

sL-M.: Also doch lieber in das eigene Häuschen oder die Wohnung investieren, was ja auch der Vermögensbildung dient. Ist der Kauf einer Immobilie angesichts der sehr niedrigen Kreditzinsen eine gute Alternative?

Niels Nauhauser: Eine selbst genutzte Immobilie ist für viele Menschen ein Gewinn an Lebensqualität. Sie kann auch ein wichtiger Baustein der Altersvorsorge sein. Immerhin kann man später mietfrei darin wohnen oder die Immobilie verkaufen, um aus dem Erlös eine zusätzliche Rente zu bilden. Betrachtet man eine Immobilie aber ausschließlich unter dem Gesichtspunkt einer Geldanlage, bei der vor allem Wertstabilität und Ertragsperspektive eine Rolle spielen, muss eine wesentlich differenziertere Bewertung zugrunde gelegt werden.

 

sL-M.: Die da wäre?

Niels Nauhauser: Zunächst einmal sind die Risiken um einiges größer als gemeinhin angenommen, egal ob bei Selbstnutzung oder Vermietung. Das liegt insbesondere daran, dass bei Geldanlagen, die mit Krediten finanziert werden, die maximal möglichen Verluste größer sind. Der Kredit bleibt ja bestehen, auch wenn der Wert des Objektes drastisch sinkt. Dazu kommt, dass sich Umweltänderungen in direkter Standortumgebung zur Immobilie massiv auf deren Wert auswirken können. Man setzt also sein ganzes Geld plus einen Haufen geliehenes Geld auf eine einzige Anlage. Wobei man bedenken muss, dass nur ein Teil des Geldes in ein potenziell wertbeständiges Grundstück angelegt wird, währen der andere Teil in die Bausubstanz fließt und damit mit der Zeit stetig an Wert verliert, wenn man das Objekt nicht instand hält. Viel weniger riskant wären Immobilien übrigens, wenn man gleich Dutzende davon kauft, am besten in verschiedenen Ländern. Dann wäre das Risiko wesentlich geringer, dass alle Objekte gleichzeitig entsprechend an Wert verlieren.

 

sL-M.: Und wenn man gerade nicht genügend Kleingeld auf dem Konto hat, um ein paar Dutzend Immobilien zusammenzukaufen?

Niels Nauhauser: Eine gute Alternative zur direkten Anlage in ein einzelnes Objekt sind so genannte offene Immobilienfonds. Wer einen Teil des Geldes in verschiedene solcher Fonds anlegt, kann von den Mieterträgen und den Chancen auf eine

Wertsteigerung profitieren und gleichzeitig die Risiken etwas reduzieren.

 

sL-M.: Und wer jetzt schon eine Häuschen oder eine Eigentumswohnung besitzt?

Niels Nauhauser: Der ist in der Regel am besten beraten, wenn er so schnell wie möglich seine Schulden tilgt, sofern noch welche vorhanden sind. Wer alle Möglichkeiten ausschöpft, die sich etwa durch vertraglich festgeschriebene Sondertilgungen bieten oder dem Ablauf der Zinsbindung, kann unter dem Strich hohe Darlehenszinsen sparen. Und das kommt letztlich ja auch der Vermögensbildung und damit der Altersvorsorge zu Gute.


Nils Nauhauser, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg
Nils Nauhauser, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg

Niels Nauhauser ist Abteilungsleiter des Fachbereichs Altersvorsorge,

Banken, Kredite bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Nach Bankausbildung und BWL Studium an der Universität Mannheim

war er bei der Unternehmensberatung McKinsey im Bereich Research

tätig. Seit 2004 ist er bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg

beschäftigt, zunächst als Berater und als Referent. Daneben war er in der Lehre unter anderem als Dozent an der Frankfurt School of Finance und an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg aktiv. Zusammen mit Werner Bareis hat er im Jahr 2008 das „Lexikon der Finanzirrtümer – teure Fehler und wie man sie vermeidet“ veröffentlicht.

 

Quelle: smartLiving-Magazin

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