Das Handwerk hat Hochkonjunktur

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Knapp 30.000 Handwerksbetriebe sind in der Region Stuttgart gemeldet – die meisten davon haben derzeit volle Auftragsbücher. Ein Grund für die florierende Binnenkonjunktur sind die niedrigen Zinsen, die dafür sorgen, dass viele Wohneigentümer in Beton investieren.

Der Zahn der Zeit hat kräftig genagt an der einst sonnengelben Hauswand von Jürgen Becker, weshalb sie dringend neu verputzt und frisch gestrichen werden müsste. Am besten noch vor den Pfingstferien, hatte sich der Stuttgarter Hausbesitzer mit den ersten

warmen Frühjahrstagen gedacht, und gleich den Stuckateur angerufen. Macht er gerne, hat ihm dieser mitgeteilt, aber „allerfrühestens Mitte Juni“. Und auch nur deshalb so schnell, weil er die Arbeit in zwei Tagen erledigen und die bröckelnde Fassade „irgendwie dazwischen schieben“ könne. Mit größeren Aufträgen, so die Ansage, sei er für das nächste halbe Jahr ausgebucht.

 

So wie Jürgen Becker, der sich nun etliche Wochen länger als erhofft gedulden muss, geht es derzeit vielen Eigentümern in der Region Stuttgart, die ihr Haus oder die Wohnung sanieren, umbauen, renovieren oder modernisieren lassen wollen. „Unsere Handwerksbetriebe haben Hochkonjunktur“, sagt Gerd Kistenfeger von der Handwerkskammer Region Stuttgart: „Die Auftragsbücher sind rappelvoll, weil viele in Beton investieren“, so der Geschäftsführer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

 

Das Ersparte in die eigenen vier Wände zu stecken liegt derzeit voll im Trend, was auch eine aktuelle Studie der Gesellschaft für Konsumforschung zeigt: Mehr als ein Fünftel aller Wohneigentümer hat demnach in den vergangenen drei Jahren das eigene Häuschen renoviert und modernisiert – Tendenz weitersteigend. Ganz oben auf der Hitliste der Handwerkerarbeiten steht die Erneuerung von Fußböden (35 Prozent), dicht gefolgt vom Einbau neuer Heizungs- und Warmwasseranlagen (33 Prozent), neuen Fenstern (28 Prozent), Armaturen und Wasserleitungen (27 Prozent) sowie Elektroinstallationen aller Art. Aber auch Fassadenarbeiten gehören laut Studie mit knapp 17 Prozent zu den häufig nachgefragten Leistungen, wie auch Jürgen Becker zwischenzeitlich aus eigener Erfahrung weiß.

 

Die Gründe für den anhaltenden Aufschwung in der Handwerksbranche sind vielfältig. Einerseits profitieren die Betriebe von den positiven Konjunkturimpulsen, die insbesondere in einem prosperierenden Wirtschaftsraum wie der Region Stuttgart eine kräftige Binnennachfrage zur Folge hat. In einer Umfrage der Stuttgarter Wirtschaftsauskunftei Creditreform haben erst jüngst fast 70 Prozent der befragten Betriebe ihre aktuelle Geschäftslage mit „sehr gut“ oder „gut“ angegeben. Jeder fünfte Betrieb will die Belegschaft aufstocken, mehr als die Hälfte der Befragten hat zudem größere Investitionen angekündigt.

 

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Kräftig angeschoben wird die momentane Entwicklung in der Handwerksbranche zudem von der Weltwirtschaftslage und den durch die Notenbanken dauerhaft niedrig gehaltenen Zinsen, die einen ungebremsten Trend ausgelöst haben: Den Drang vieler Eigentümer, das durchaus vorhandene Barvermögen und Kapital in den eigenen vier Wänden anzulegen. Gerd Kistenfeger: „Die Niedrigzinsen sind für viele das Zünglein an der Waage, das Geld nicht auf die Bank zu tragen, sondern es in Immobilien und Sachwerte zu stecken.“ Gleichzeitig spielt nach Einschätzung der Handwerkskammer noch ein weiterer Aspekt eine tragende Rolle: Die demografische Entwicklung, also der Wandel in Deutschland hin zu einer Gesellschaft, die immer älter wird. Die Veränderungen, die als Folge davon viele Lebensbereiche betreffen, sind grundlegend

und dauerhaft - und eben auch im Handwerk zu spüren. Der Anteil an Wohnungen und Häusern, die barrierefrei umgebaut werden sollen und müssen, so Gerd Kistenfeger, „hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen“.

 

Qualifizierte Fachkräfte fehlen

Höhenverstellbare Waschtische, Duschräume mit barrierefreiem Zugang, Treppenlifte, verbreiterte Hauseingänge, Bewegungsmelder im ganzen Haus, elektrisch bedienbare Rollläden, leichtgängige Armaturen: Die Möglichkeiten und Notwendigkeiten, eine Wohnung oder ein Haus altersgerecht einzurichten und umzubauen, sind reich gesät. Die Arbeiten selbst sind oft aufwendig und damit zeitintensiv. In den meisten Fällen seien unterschiedliche Gewerke und Handwerker an einer Maßnahme beteiligt, vom Elektroinstallateur über den Rollladenbauer zum Sanitärfachmann bis zum Maurer und Maler, sagt Kistenfeger. „Solche Arbeiten lassen sich nicht beliebig beschleunigen, wenn die Qualität stimmen soll.“

 

29.585 Handwerksbetriebe waren Ende vergangenen Jahres in der Region Stuttgart gemeldet. „Im Vergleich zu anderen Regionen ist das eine hohe Dichte, mit der wir eigentlich eine sehr ordentliche Verbraucherversorgung erreichen“, sagt Gerd Kistenfeger. Weil viele der Unternehmen dennoch „bis an die Kante ausgelastet“ sind, wollen sie möglichst schnell expandieren, den Malerbetrieb oder das Stuckateurgeschäft ausbauen, mehr Mitarbeiter einstellen. Der gute Wille und die unternehmerische Absicht seien vielfach vorhanden, sagt Kistenfeger. Allein: „Es fehlt massiv an qualifizierten Fachkräften auf dem Markt“, betont er. „Inzwischen meint ja jeder, studieren zu müssen.

Diesen Trend in Richtung Akademisierungswahn verfolgen wir mit großer Sorge.“

 

Erschwerend kommt hinzu, dass sich auch hier der demografische Wandel auswirkt, da es im Vergleich zu früher immer weniger Schulabgänger gibt. Die Betriebe hätten das Dilemma zwischenzeitlich aber erkannt und seien dazu übergegangen, so Gerd Kistenfeger, im immer härteren Wettbewerb um junge Fachkräfte die künftigen Mitarbeiter selber auszubilden und zu qualifizieren. Die Ausbildungszahlen in den Betrieben in der Region Stuttgart würden kontinuierlich ansteigen, wobei erfreulicherweise auch immer mehr Abiturienten eine berufliche Ausbildung im Handwerk machen würden, so Kistenfeger. Im Vergleich zum Vorjahr sei der Anteil an Abiturienten um beachtliche 24 Prozent gestiegen.

 

Eine Ausbildungsoffensive im Handwerk über alle Schularten hinweg hält der langjährige Geschäftsführer schon deshalb für unabdingbar und dringend geboten, um mit einer gesteigerten Kapazität der Fachbetriebe und den damit verbundenen kürzeren Wartezeiten für sanierungswillige Wohneigentümer einer besonderen Spezies das Handwerk legen zu können, die sich gerne zwischen Keller und Dachgeschoss tummelt: Den Feierabendmurksern, die ohne Rechnung und Qualifikation ihr Werk verrichten, wie er sagt. „Das Ergebnis sehen wir tagtäglich, wenn unsere Handwerker den Schaden hinterher für viel Geld richten müssen“, so Kistenfeger.

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„Zeige mir wie du baust und ich sage dir, wer du bist.“ Dieser Grundsatz, den der deutsche Dichter und Schriftsteller Christian Morgenstern vor einem Jahrhundert der Nachwelt hinterlassen hat, trifft in der heutigen Handwerksbranche den Nagel auf den Kopf. „Eine hohe Qualität ist das Allerwichtigste“, betont Gerd Kistenfeger, der indessen selber weiß, dass damit oftmals auch hohe Ausgaben verbunden sind. Ein Dach neu zu dämmen kostet viel Geld, moderne und energie-effiziente Heizungsanlagen sind teuer, ein neues Bad mit allenSchikanen kann ein kleines Vermögen kosten. Umso mehr propagiert Gerd Kistenfeger eine umfassende und frühzeitige Beratung von Handwerkskunden, für die es gerade jetzt etliche Anreize und Fördermöglichkeiten gibt, wie er betont. Zum einen können je nach Maßnahme günstige

KfW-Kredite und andere lohnende Baudarlehen in Anspruch genommen werden. Beliebt seien aber insbesondere auch die Steuerrückzahlungen und Abschreibungsmöglichkeiten bei Sanierungen von Gebäuden. „Wer sich rechtzeitig informiert, kann den Umbau oder die Modernisierung um einiges günstiger gestalten“, sagt Gerd Kistenfeger.

 

Wer seine Wohnung von einem Handwerksbetrieb renovieren lässt, kann zudem über den Steuerbonus auf Handwerkerleistungen einen Teil der Kosten sparen: Sowohl Hauseigentümer als auch Mieter dürfen grundsätzlich einen Teil der Arbeitskosten für Modernisierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen steuerlich absetzen. Zu beachten ist dabei, dass die Rechnung per Überweisung beglichen werden muss. Mit der Steuererklärung erstattet das Finanzamt dann bis zu 20 Prozent von maximal 6000 Euro pro Jahr, also immerhin bis zu 1 200 Euro. Einer von vielen Gründen, wie Gerd Kistenfeger sagt, „auch künftig in Beton zu investieren“. Auch wenn es derzeit etwas länger dauert, bis der Handwerker kommt.

 

Quelle: smartLiving-Magazin

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